Viele schreiben dem Manne ein fast schon titanisches Format zu.

Bei Ökonomen und Wall-Street-Strategen gilt er als Genie und Papst der Geldpolitik, mindestens aber als der beste Chef, den Amerikas Zentralbank je hatte. Das Magazin Fortune nannte ihn den "Herzschrittmacher" der amerikanischen Wirtschaft, vier von zehn befragten Unternehmern halten ihn für einflußreicher als den Präsidenten. Alan Greenspan, keine Frage, ist ein mächtiger Mann.

In Europa finden neuerdings einige Politiker links der Mitte, daß der Fed-Chef auch ein wirksamer Antipode zum neoliberalen Bundesbankpräsidenten Hans Tietmeyer sein könne - und die Federal Reserve überdies ein Gegenmodell zur künftigen europäischen Zentralbank in Frankfurt darstelle. Den Amerikanern sei es gelungen, gleichzeitig Stabilität zu erreichen und Wachstum zu erzielen, damit hätten sie "ein Meisterwerk" vollbracht, befand Schwedens Ministerpräsident Göran Persson die Geldpolitik der Fed sei "weitsichtig" und unterstütze Wachstum und Beschäftigung, kommentierte auch Oskar Lafontaine.

Anders als der monomanische Deflationskurs Tietmeyers schaffe Greenspans Politik stabiles Geld und neue Arbeitsplätze - sagen jedenfalls seine Bewunderer.

Sähen sie genauer hin, fiele ihr Lob wohl weniger überschwenglich aus. Auch in den Vereinigten Staaten werden die Zentralbank und ihr Vorsitzender für eine angeblich zu harte Antiinflationspolitik gescholten. Er wünsche sich in der Federal Reserve einen Mann, der mit niedrigen Zinsen für mehr Wachstum sorge, meinte der demokratische Senator Bob Kerrey, als Greenspan im vergangenen Frühjahr zur Wiederwahl anstand. Kerrey hätte sich seine Kritik sparen können.

"Eine angemessene Inflationsrate", sagte Greenspan einmal vor einem Senatsausschuß in Washington, "ist meiner Meinung nach: null."

Für den Fed-Chef war diese ideologische Standortbestimmung eine bemerkenswert klare Aussage. Normalerweise äußert sich Amerikas Währungshüter in kryptischen Satzungetümen, die bei den meisten Zuhörern den Eindruck erzeugen, wenig zu verstehen und nicht viel zu wissen. Anders als sein wortmächtiger und oft besserwisserisch wirkender deutscher Kollege Tietmeyer, ist Greenspan freilich ein Meister leiser Töne. Die Klaviatur der Macht bedient er subtil und raffiniert.