Der Sinn stand uns ja immer schon nach Höherem.Früh bereits entwickelte sich das Gespür für das Schöne und Teure dieser Warenwelt.Markennamen zogen uns magisch an: Ein Kleid von Armani, ein Pullover von Missoni, eine Uhr von Cartier, all das schlummerte auf unserem Wunschzettel. Irgendwann groß und reich geworden, würden wir die Kostbarkeiten erstehen.Mit Vuitton-Koffern reisen, das Tuch von Hermès lässig um den Hals geschlungen. Leider standen die Schicksalssterne nicht so, daß es gelang, einen Gatten einzufangen, der uns die goldene Kreditkarte zu beliebiger Verfügung schenkte, auch die Einkommensentwicklung ließ sich nie so recht mit dem Wunsch, monatlich ein neues Escada-Kostüm und die passende Prada-Tasche zu erwerben, in Einklang bringen. Erst das Reisen lehrte uns, wie man ans Ziel seiner Wünsche kommt. Zwar nicht ganz legal, aber zu einem Preis, den man getrost als Schnäppchen bezeichnen kann.So stockten wir dann Reise für Reise unsere Bestände auf.Hier ein Täschchen von Chanel, täuschend echt, dort ein T-Shirt mit Krokodil, Feuer geben wir souverän nur noch mit Dunhill, um den Leib haben wir Moschino gegürtet. Alles vom Feinsten, so wie es immer schon unser Traum war.Daß wir durch unsere beständig sich erweiternde Imitaten-Kollektion zum Alptraum der Produzenten von Originalen wurden, konnte uns nicht anfechten. In Schrecken erst versetzt uns nun eine Meldung, die darüber aufklärt, daß in Frankreich die Zöllner berechtigt sind, uns das falsche Geschmeide sozusagen vom Leibe zu reißen.Drakonische Strafen drohen obendrein, 300 000 Mark Geldbuße - auch in unseren kühnsten Phantasien kaum auszumalen, wie viele echte Taschen und Tücher, Uhren und Kostüme wir uns dafür kaufen könnten . . .Oder zwei Jahre Haft dräuen, garantiert nicht in der designergestylten Zelle und im Outfit mit Markenlabel. Diese Blöße wollen wir uns doch nicht geben, plötzlich ertappt hinter Galliens Grenze ohne Hemd und Hose dazustehen, gerade noch im Leibchen original deutscher Produktion. Noch können wir der Sache aus dem Weg gehen, indem wir Frankreich einfach weiträumig umfahren.Sollten die Razzien aber einmal EU-weit um sich greifen, könnten wir unsere Rolex nur noch daheim im stillen Kämmerlein tragen.Aber wenn sie eh keiner sieht, dann werden wir schnell den Spaß daran verlieren. Undankbare Gesellen, diese Markenproduzenten.Anstatt froh zu sein, daß wir keine Reise, keinen Basar, keinen Nacht-, Polen- oder Diebsmarkt gescheut haben, um anschließend für sie Reklame zu laufen - und das ohne jeden Sponsorenvertrag, im Gegenteil: für unser eigenes gutes Geld. Sollen sie doch schauen, die Damen und Herren aus den Nobeletagen, was mit ihren Umsätzen passiert, wenn ihnen Millionen Werbeträger aus purer Angst wegfallen.Vielleicht bleiben sie sitzen auf ihren teuren Klamotten.Würde ihnen ganz recht geschehen - wenn sie uns nicht mal das kleinste Imitat gönnen.