Königs Wusterhausen

Die Fußsohlen sind dunkelrot geschwollen und blau marmoriert, die Hände in dicke Mullbinden verpackt. Mohammed Liton hält sie hoch wie ein kläglich gescheiterter Boxer. Auf jede Frage gibt der dunkelhaarige Junge mit den feinen Gesichtszügen folgsam eine leise Antwort. Die Wahrheit enthält sie nicht immer. Die drückt er eher mit einem entschuldigenden Lächeln aus, mit seinem Schweigen und den großen fragenden Augen. Mohammed ist gerade fünfzehn Jahre alt und kommt aus Bangladesch, dem Armenhaus der Welt. Weiß er, wie der Ort heißt, an dem er sich befindet? "Nein." Was wird mit ihm geschehen?

"Ich weiß nicht." Mohammed Liton hat panische Angst ausgestanden, Todesangst: "Was passiert ist, werde ich nie vergessen können."

Aber was das war, darf Mohammed nicht sagen. Das verbietet die Logik des deutschen Asylrechts, und darüber wacht auch sein älterer Bettnachbar zur Linken. Nur soviel geben die beiden preis: "Go, go", habe der Schlepper sie zur Eile getrieben. Etwa zwei Stunden seien sie durch den Schnee gelaufen, die Schuhe hätten sie dabei verloren, einige sogar die rutschenden Hosen, die Hände seien völlig gefühllos geworden. Dann habe ein Kleintransporter sie aufgelesen und nach kilometerlanger Fahrt ausgesetzt.

Sie haben Glück gehabt, Mohammed Liton und die fünfzehn vor Kälte wimmernden Gestalten, die am 30. Dezember in einem Gewerbepark vor den Toren Berlins wie Schiffbrüchige "help me, help me!" flehten.

Sie sind mit dem Leben davongekommen. Es hätte anders ausgehen können bei elf Minusgraden. Einige von ihnen waren barfuß, viele trugen nichts als die nackte Haut unter der Sommerjacke, einer war nur mit Shorts bekleidet.

Mit schwersten Erfrierungen haben Polizisten die Gestrandeten ins Kreiskrankenhaus Königs Wusterhausen gebracht. Ärzte und Schwestern kümmern sich dort rührend um die sechzehn Jungen und Männer aus Bangladesch, Sri Lanka und dem Irak. Wahrscheinlich werden sie die Erfrierungen an Händen und Füßen ohne die befürchteten Amputationen überstehen.