Rekorde sind längst nicht immer Anlaß zum Jubel. Auf dem Arbeitsmarkt sind sie eher ein Trauerspiel. Im Dezember waren rund 4,15 Millionen Menschen ohne Beschäftigung, mehr als je zuvor in einem Weihnachtsmonat seit Kriegsende. Und es wird noch schlimmer kommen. Wenn das eisige Wetter anhält, dürften die nächsten Monate weitere Spitzenwerte bringen. Zwar kann niemand exakt beziffern, wie viele Menschen etwa am Bau von einer längeren Kälteperiode betroffen sind, einige zehntausend dürften es allerdings sein. Und selbst wenn viele von ihnen im Frühjahr wieder einen Job finden, wegen der anhaltenden Flaute in der Baukonjunktur werden längst nicht alle die Rückkehr schaffen.

Überdies scheint auch das Wirtschaftswachstum nicht auszureichen, um für mehr Beschäftigung zu sorgen. Im Durchschnitt des Jahres, schätzen die Wirtschaftsforscher, wird die Arbeitslosigkeit bei 4 bis 4,2 Millionen liegen, mehr also als 1996. In diesem Winter dürften gar in der Spitze 4,5 Millionen Arbeitslose erreicht werden.

Da bedarf es keiner prophetischen Künste, um vorherzusagen, daß der bisherige im Februar 1996 registrierte Nachkriegsrekord von 4,27 Millionen Erwerbslosen schon im Januar übertroffen werden wird.

Dabei hatte die Bundesregierung vor gerade mal einem Jahr mit ihrem Programm für Wachstum und Beschäftigung noch Hoffnungen geschürt. Das Sparkonzept sollte die Zahl der Arbeitslosen bis zur Jahrtausendwende halbieren. Zwölf Monate später zweifelt selbst Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt an der optimistischen Prognose. Gerade drei Jahre bleiben noch, viel zuwenig Zeit, um das ehrgeizige Ziel zu erreichen. Sogar in den beiden wirtschaftlich besten Jahren der vergangenen zwei Jahrzehnte, 1989 und 1991, so das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, sank die Zahl der Erwerbslosen nur um jeweils rund 200 000. Nach Adam Riese sind also zehn ähnlich gute Jahre nacheinander nötig, um zwei Millionen mehr Menschen wieder in Lohn und Brot zu bringen. Dieses Wunder wird es mit Sicherheit nicht geben.

Höchste Zeit also zum Handeln. Doch die Bundesregierung scheint wie gelähmt. Ob beim Thema Steuerreform oder Haushaltsdefizit, ob bei der Krise der Sozialsysteme oder bei der Ausbildungsmisere - die Bonner Politik wirkt konfus und hilflos. Die tiefste Beschäftigungskrise der Nachkriegszeit wird durch ihre Beschlüsse sogar noch verschärft.

Nur ein Beispiel: Sollte der Bundeszuschuß an die Bundesanstalt für Arbeit in diesem Jahr bei 4,1 Milliarden Mark eingefroren bleiben, wird das Heer der Erwerbslosen allein dadurch wachsen.

Denn dann muß die Nürnberger Behörde bei der aktiven Arbeitsmarktpolitik noch stärker drosseln. Dabei schrumpfen die Leistungen für ABM und Weiterbildung ohnehin schon um fast fünf Milliarden Mark.