Gipfeldiplomatie zählt in diesen Tagen zur politischen Routine.

Das war nicht immer so, schon gar nicht in der Zeit des Kalten Krieges. Als im Mai 1972 mit Richard M. Nixon erstmals ein amerikanischer Präsident überhaupt aus offiziellem Anlaß sowjetischen Boden betrat, um eine Serie bilateraler Abkommen, darunter den ersten Salt-Vertrag, zu unterzeichnen, war das alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Das hatte erst recht für den zweiwöchigen Aufenthalt Nikita Chruschtschows im September 1959 gegolten: Weder Stalin noch Lenin, noch einer der russischen Zaren hatte je auf Einladung eines amerikanischen Präsidenten zu einem Staatsbesuch in den USA geweilt.

Diese Beobachtung war für Michael Jochum Grund genug, sich die Begegnungen zwischen Nikita Chruschtschow und Dwight D. Eisenhower in den Jahren 1955, 1959 und 1960 anzusehen und dabei der Frage nachzugehen, inwieweit die amerikanische Politik gegenüber der Sowjetunion durch jene Eindrücke beeinflußt worden ist, die der Präsident von diesen Treffen mitnahm.

Daraus hätte ein interessantes Buch werden können, hätte es sich der Autor nicht in den Kopf gesetzt, aus einer vergleichsweise schmalen Datenbasis weitreichende Schlüsse zu ziehen. Außerdem offenbart diese politikwissenschaftliche Dissertation ein eigentümliches Verhältnis zur geschichtlichen Realität: Nachdem in einem ausführlichen Kapitel über die "Psychologie menschlicher Informationsverarbeitung" klargestellt ist, wie die Theorie aussieht, muß die historische Wirklichkeit beweisen, daß sie den dort ermittelten "Wirkungsarten von Gipfel-Eindrücken" standhalten kann.

Genaugenommen kann ohnehin nur beim zweiten, also beim vierzehntägigen USA-Aufenthalt des Kreml-Herrn im September 1959 von einem Gipfeltreffen im engeren Sinn die Rede sein, jedenfalls dann, wenn man darunter vor allem auch die wichtigen Gespräche unter vier Augen versteht: Als sich Chruschtschow und Eisenhower am Rande der Gipfelkonferenz der vier alliierten Sieger des Zweiten Weltkrieges im Juli 1955 erstmals getroffen hatten, waren immerhin 1200 Politiker, Diplomaten, Dolmetscher, Leibwäch ter und sonstige Helfer mit von der Partie gewesen, und abgesehen von den formellen Sitzungen hatten die beiden führenden Staatsmänner der Welt lediglich bei einem Essen Gelegenheit, sich persönlich in Augenschein zu nehmen. Und der dritte "Gipfel", der im Mai 1960 - wiederum von den vier Siegermächten - in Paris abgehalten wurde, war erst recht keiner, weil Chruschtschow ihn bekanntlich nach wenigen Stunden platzen ließ: Sein Ansinnen, wonach sich Eisenhower zunächst für den Abschuß eines Spionageflugzeuges vom Typ U 2 über der Sowjetunion entschuldigen müsse, war für den amerikanischen Präsidenten natürlich nicht akzeptabel.

Weil also von einer amerikanisch-sowjetischen Gipfel-"Diplomatie" in den Jahren 1955 bis 1960 eigentlich keine Rede sein kann, dehnt der Autor seinen Untersuchungszeitraum in einem abschließenden Kapitel noch überraschend bis in die Endphase der Sowjetunion hinein aus. Auf diese letzten Jahrzehnte beziehen sich dann auch die Interviews, die er mit fünfzehn amerikanischen Teilnehmern an amerikanisch-sowjetischen Gipfeltreffen zwischen 1961 und 1988 geführt hat. Für sie gilt ähnliches wie für die gesamte Untersuchung: Sie enthalten viele interessante Details, beziehen sich aber, gemessen am Thema des Buches, auf den falschen Zeitraum und werden in der Regel unzulässig generalisiert.