Bereits 1969, nach den grauenhaften Verbrechen des Jürgen Bartsch und des Josef Ludy, fragte der stern auf einer von ihm organisierten Fachtagung: Wie schützt man Kinder, wie schützt sich unsere Gesellschaft am wirksamsten vor Triebtätern? Hilft eine Therapie? Und sind sie dann, wenn sie eines Tages wieder freikommen, weniger gefährlich?

Die Antwort der Mediziner, Juristen, Psychologen und Vollzugsbeamten fiel damals ebenso ernüchternd wie ehrlich aus: Es gibt keine absolute Gewähr dafür, daß ein Triebtäter nie wieder rückfällig wird. Heute, dreißig Jahre später, werden nach der Ermordung von Julie und Melissa in Belgien und von Nathalie in Bayern auf Expertentagungen - jüngst etwa in der Psychiatrie Akademie von Königslutter - wieder dieselben Fragen gestellt und dieselbe Antwort gegeben.

Die Erkenntnis ist bitter: Kein Therapeut, kein Pharmakologe und kein Chirurg kann ein für allemal ausschließen, daß Triebe nicht irgendwann einmal wieder auf brutale Weise durchbrechen. Menschliches Verhalten läßt sich eben nicht für alle Zeiten vorhersehen. Selbst nachdem Männern die Hoden entfernt worden waren, wurden sie abermals zu Vergewaltigern und Mördern. "Restrisiko", nennen das die Experten ein Wort, das angesichts grausamer Verbrechen schwer auszuhalten ist.

Natürlich läge es jetzt nahe zu sagen: Bevor wir nicht genau wissen, wer rückfällig wird, bleiben alle verurteilten Triebtäter bis in alle Ewigkeit hinter Schloß und Riegel. Mit einem Rechtsstaat wäre eine solche Politik allerdings nicht mehr vereinbar. Der Richter muß jeden Fall für sich betrachten und abwägen zwischen dem Sicherheitsbedürfnis der Allgemeinheit und dem Freiheitsanspruch des Gefangenen. Welches Interesse Vorrang erhält, hängt maßgeblich von der Prognose der medizinischen und psychologischen Gutachter ab. Sie muß Aufschluß darüber geben, ob ein Freigang, ein Hafturlaub oder gar die Entlassung eines Triebtäters zu verantworten ist.

Diese Prognose aber, darüber waren sich auch in Königslutter die Experten einig, ist allzuoft mit schweren Mängeln behaftet. Denn die forensische Psychiatrie führt in Deutschland nach wie vor ein Stiefmütterchendasein es gibt zu wenige Psychiater und Psychologen, die sich für die äußerst schwierige und nervenaufreibende Arbeit mit Triebtätern interessieren und qualifizieren. Es fehlt an Aus- und Fortbildung und viele Gutachter nehmen sich nicht genügend Zeit für die sehr komplizierte und aufwendige Expertise.

Dabei steht heute, nach vielen Jahrzehnten internationaler Forschung, außer Frage, welche Prognoseregeln zu beachten sind, um die Gefahr eines Rückfalls so gering wie möglich zu halten. Dazu gehört, daß sich der Gutachter intensiv mit dem Vorleben des Triebtäters auseinandersetzt, mit seiner Kindheit, dem Werdegang, den Krankheiten, den Persönlichkeitsstörungen und sozialen Kontakten. Er muß sich auch sehr gründlich mit allen grausamen Einzelheiten der Straftat befassen, mit dem Verhalten in der Haft und in der Therapie.

Schließlich muß der Gutachter für seine Prognose auch berücksichtigen, in welches Leben der Triebtäter entlassen wird, mit welchen Menschen er sich umgeben, wo er arbeiten und wohnen wird.