Der Titel des Dramas, das seit Monaten an der Spitze von Deutschlands größtem Industrieunternehmen abläuft, könnte gut heißen: "Ein General und ein Gentleman". Im erbitterten Kampf stehen sich zwei Spitzenmanager gegenüber, wie sie unterschiedlicher kaum vorkommen: Jürgen Schrempp ist der zupackende Machtmensch und Vorstandsvorsitzende des Daimler-Benz-Konzerns. Sein Widerpart Helmut Werner pflegt nicht nur untadelige Manieren, sondern hat in vierjähriger und vielgelobter Arbeit die mit Abstand umsatzstärkste Konzerntochter Mercedes-Benz wieder zum profitabelsten Autohersteller Europas gemacht.

Der Streit bei Daimler, der auf einer außerordentlichen Sitzung des Aufsichtsrates am 23. Januar endgültig entschieden werden soll, hat so lange gedauert, weil Schrempp und seine Mannen die Härte Werners kraß unterschätzt haben. Der Mercedes-Chef, der die leisen und verbindlichen Töne bevorzugt und sich als Mitglied eines Teams begreift, das er moderieren darf, täuscht andere leicht über seine Lust an der Auseinandersetzung. Direkt befragt, gesteht er aber ein: "Ich habe mich nie wohl gefühlt, wenn ich nicht kämpfen konnte."

Diese Vorliebe teilt er mit seinem Widersacher. Werner: "Herr Schrempp und ich wissen, daß mit knallenden Türen kein Problem zu lösen ist. Aber beide haben wir eine gewisse Begeisterung für den konstruktiven Konflikt. Den leben wir sehr intensiv." Lange ist diese Seite Werners in der Öffentlichkeit kaum bekannt gewesen, denn "lächeln kann er", schrieb das Fachblatt Auto, Motor und Sport einmal, "nicht nur wenn es schwierig ist, sondern gerade wenn es schwierig wird".

Und schwieriger als jetzt war die berufliche Position des 60jährigen Managers mit den grauen Schläfen noch nie. Denn obwohl Werner jede Menge Erfolge bei Mercedes vorweisen kann, beispielsweise baute er 35 000 Arbeitsplätze ohne viel Geschrei ab und verringerte die Kosten des Traditionsunternehmens um etwa ein Fünftel, will Schrempp ihm "den besten Job der Welt" (Werner) wegnehmen - und hat dabei sogar die Sachlogik auf seiner Seite.

Von niemandem, auch von Werner nicht, wird ernsthaft bestritten, daß die Konzernstruktur am oberen Ende reparaturbedürftig ist.

Geführt wird das 100-Milliarden-Mark-Umsatz-Unternehmen zu langsam und zu teuer. Um die Organisation schneller zu machen, will Schrempp sie flacher gestalten. Sein durchaus einsichtiger Plan: Das ganze Unternehmen Mercedes-Benz soll im Laufe dieses Jahres aufhören zu existieren und in der Mutter Daimler aufgehen.

Das ist kein Untergang von Tradition, sondern die Rückkehr dazu.