In Boston herrscht kontinentales Klima. Winters ist darauf zu achten, daß einem nicht die Ohren abfrieren, im Sommer heißt es, dem Hitzschlag zu entgehen. Nur Eugene Stanley hat zu jeder Jahreszeit Schnee. Genauer: Eiskristalle - auf seinem Bildschirm. Der Physiker läßt seinen Computer das Wachstum der Kristalle simulieren.

Das wäre nichts Besonderes, wenn lediglich perfekt symmetrische Formen herauskämen, erzeugt von ein paar mathematischen Gleichungen.

"Sie haben bestimmt schon einmal die Schneeflockenbilder der Chaosforscher gesehen", sagt Stanley. "Die entstehen deterministisch, von Gesetzen kontrolliert, und sind auch kein bißchen unregelmäßig. In unseren Computern dagegen spielt der Zufall eine große Rolle. Wir füttern unsere Programme mit Zahlen, die niemand vorhersehen kann. Und dennoch: Aus dieser Unordnung entsteht Ordnung. Gebilde, die zwar unterschiedlich ausfallen, die aber jedes Kind als Eiskristalle erkennt."

Stanley hat ein mathematisches Modell des Kristallwachstums entworfen.

Eines seiner Gesetze lautet: Die Reichen wachsen auf Kosten der Armen die "Reichen", das sind die sechs Ecken des Ursprungskristalls an ihnen lagern sich bevorzugt weitere Wassermoleküle an. "Ein kapitalistisches Gesetz", schrieb der Physiker in einem Aufsatz.

Vielleicht ein versteckter Hinweis darauf, daß er ein kampferprobter Alt-68er ist, der wegen Unbotmäßigkeit das Massachusetts Institute of Technology (MIT) verlassen mußte. Mittlerweile blickt man am MIT neidisch auf die wenige Kilometer entfernte Bostoner Universität, an der Stanley berühmt wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ordnung und Unordnung, sie sind das Thema der Statistischen Physik.