Ob er als eloquenter Vortragskünstler durchs Land reist oder sein Wissen, seine Erfahrungen, seine Analysen und Schlußfolgerungen in Buchform veröffentlicht - er bringt die Dinge auf den Punkt.

Auch in seinem jüngsten Buch fasziniert Wolfgang Leonhard, der Nestor der deutschen Rußlandspezialisten, durch seine Fähigkeit, Faktenfülle mit griffigen Formulierungen zu bändigen. Daß dabei manches fast zur Schlagzeile gerät, ist kein Makel, etwa Leonhards lakonische Antwort auf die Frage, ob der Westen eine neue russische Bedrohung zu fürchten habe: "Grund zur Besorgnis ja, Bedrohung nein." Diesem knappen Fazit ist eine ausführliche Darlegung sowohl der Intentionen der russischen Außenpolitik als auch des realen innenpolitischen Bedrohungspotentials vorausgegangen.

Über weite Strecken hat Leonhards Buch den Charakter eines Nachschlagewerks.

Von der Atomenergie bis zum Zustand der russischen Armee bleibt kein Problem ausgeklammert, das für das heutige Rußland - und seine Nachbarn - von Bedeutung ist. Als Hauptproblem der Innenpolitik erscheint Leonhard die Kriminalität. Dabei stützt er sich nicht nur auf Präsident Jelzin, der Rußland eine "Weltmacht des organisierten Verbrechens" genannt hat, sondern schlicht auf die offizielle Statistik, die besagt, daß sich im Jahr 1994 in Rußland 32 000 Morde ereigneten - doppelt so viele pro 100 000 Einwohner wie in den USA. Und er zitiert den russischen Justizminister Walentin Kowaljow: "Alle 72 Stunden wird in Rußland ein wichtiger Unternehmer oder Bankier umgebracht."

Der Person Jelzins steht Leonhard distanziert gegenüber. Aus dem einstigen Reformvorkämpfer sei ein autoritärer Präsident geworden, dessen Reformeifer längst erloschen sei und dem es nur noch um Machterhalt gehe. Unverständlich ist für Leonhard die kritiklose Haltung mancher Politiker im Westen gegenüber Jelzin.

Die wirtschaftlichen Aussichten Rußlands beurteilt der Autor mit vorsichtigem Optimismus. Bis zur endgültigen Durchsetzung der Marktwirtschaft, so schätzt Leonhard, dürfte es noch fünfzehn bis zwanzig Jahre dauern. Und auch dies nur unter der Voraussetzung, daß die noch aus der Sowjetzeit stammenden riesigen Industriekombinate tatsächlich entflochten und privatisiert werden.

Rußlands Weg zu einer wirklich pluralistischen parlamentarischen Demokratie und zu gesicherten rechtsstaatlichen Verhältnissen, davon ist Leonhard überzeugt, ist noch weit. Zu erwarten ist vielmehr eine Verfestigung des autoritären Präsidialsystems. Einen Militärputsch, einen nationalen Flächenbrand oder eine Rückkehr zum Sowjetsystem hält Leonhard für unwahrscheinlich. Die einzige wirkliche Bedrohung für den Westen ginge nicht vom russischen Militär aus, sondern von den unsicheren und gefährlichen Atomkraftwerken, die weiterhin betrieben werden. Doch diese Bedrohung aus der Welt zu schaffen, so ist zu fürchten, übersteigt die finanziellen Möglichkeiten Rußlands wie die des Westens.