Vor dem Wahnsinn ist niemand sicher. Zu diesem verstörenden Fazit kommt Ronald Siegel in "Der Schatten in meinem Kopf" (Eichborn Verlag, Frankfurt 1996, 44 Mark). Der amerikanische Professor für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften schildert in seinem Buch, sorgsam nach Kapiteln gegliedert, zwölf Fälle von Paranoia, Begegnungen mit dem ganz normalen Wahnsinn.

Wie schon in seinen beiden 1995 erschienenen Büchern "Rauschdrogen" und "Halluzinationen" (siehe ZEIT Nr. 42/95) beweist der Autor auch hier wieder sein enormes Erzähltalent. Packend berichtet er von einem Studenten, der im Computer Hitlers Gehirn wiedererstehen lassen will, von einem Physiker, der sich von einem eigens auf ihn ausgerichteten Satelliten überwacht fühlt. Siegel erzählt von einem Geschäftsmann, der sein Haus von Zwergen belagert sieht, von einer Ballettänzerin, die einen Schatten liebt und deshalb einen Kellner umbringt, von einer alten Dame, die ihre Zähne flüstern hört, und von Kokainschnupfern, die von imaginären Käfern gejagt werden. Sie alle haben den Dämon Paranoia im Kopf. Die Ursachen des Wahns, die Siegel verständlich und einfühlsam erläutert, sind indes unterschiedlich: Drogenmißbrauch, Einsamkeit, sozialer Abstieg, Schuldgefühle, verkorkste Kindheit.

Im vorletzten Kapitel schildert Siegel schließlich, wie ihn selbst der Wahnsinn packte. Doch die Paranoia war geplant. Der Wissenschaftler versetzte sich in die Situation eines Mörders, bei dessen Gerichtsverhandlung er als Gutachter aussagen sollte. Dazu verbrachte er dreieinhalb Tage allein und ohne Wasser in einem geschlossenen Zugabteil.

Detailliert und fesselnd beschreibt der Wahnsinnsforscher, wie die Paranoia langsam in ihm aufstieg. Zuletzt fühlte er sich von jedem kleinen Geräusch bedroht und tobte schließlich, vom Wahn getrieben, in seinem Abteil herum.

Nach Siegels Büchern zu urteilen, scheint Professor für Psychiatrie ein ungemein spannender Job zu sein - wenn auch bisweilen etwas gefährlich. "Ich wurde bedroht, man schoß auf mich, und mehr als einmal geriet ich in Lebensgefahr", schildert er seinen ungewöhnlichen akademischen Alltag. "Auf solche Situationen hatte mich meine Ausbildung als Forscher und Wissenschaftler nicht vorbereitet."