Schon einhundertdreiunddreißigmal haben sich die Liberalen am Dreikönigstag in Stuttgart versammelt. Und immer hat die Öffentlichkeit daran regen Anteil genommen. Nur letztes Jahr schien es für einen kurzen Augenblick, als werde mit der Partei auch die schöne Tradition ihr Ende finden. Die Anteilnahme war besonders groß. Inzwischen ist die Existenzangst, die das damalige Treffen beherrschte, längst wieder liberaler Daseinsfreude gewichen. Einfach nicht wegzudenken, diese FDP.

Tradition also muß sein. Besonders schön anzusehen ist es, wenn innerhalb der Tradition sich neue, ganz spezielle Bräuche ausbilden.

An erster Stelle möchte man da Klaus Kinkel nennen, der seine politische Dreikönigsbotschaft jetzt immer in einem emphatischen Zuruf gipfeln läßt - "hier von Stuttgart aus . . ." Diesmal traf es Slobodan Milosevic. "Erkennen Sie die Wahlsiege der Opposition an, und zwar alle und sofort", beschied ihm in forderndem Tremolo Klaus Kinkel von der Bühne des Staatstheaters aus. Wen von den Tyrannen der Welt wird es nächstes Jahr treffen?

Nachzutragen wären noch Kinkels innenpolitische Zurufe. "Lassen Sie die Zündelei! Lassen Sie die populistischen Spielchen!", so trieb er den Euro-Kritiker Gerhard Schröder in die Enge. Und über das Stoiber-Verdikt, die FDP sei die "Partei der sozialen Kälte", wäre Klaus Kinkel auf Stuttgarts Bühne fast geplatzt. Rhetorisch, versteht sich. So viel erbittertes Pathos für ein so gängiges Klischee? Wie macht der Mann das bloß?

Mit der Steuersenkungsnummer, der Soli-weg-Kampagne hat sich die Partei im letzten Jahr ihr Thema erobert. Ganz wohl fühlt sie sich damit nicht. Also wird ein bißchen gekramt: Parteichef Wolfgang Gerhardt will die Liberalen jetzt mit einer richtigen Bildungsreform profilieren. Und wenn die CSU den Ausländern Böses wünscht, hat die FDP sie ganz besonders lieb. Oder wie wär's mit einem Schuß Sozialliberal?

Das hat zumindest Überraschungswert. Auch wenn Guido Westerwelle in der Rolle des sozialen Gewissens noch etwas fremdelt. Das Erlebnis jedenfalls, wie er in seiner Dreikönigsansprache den liebenswerten Versuch unternimmt, sich der Gemeinsinndebatte zu nähern, allein das war die Reise wert. Nicht immer nur an sich denken und die Gemeinschaft dem Staat überlassen, mahnt Westerwelle. Auch das ehrenamtliche Engagement müsse wieder die gesellschaftliche Anerkennung finden, die es verdient. "Ehe, Familie, andere Verantwortungsgemeinschaften, Genossenschaften, Stiftungen, Bürgerinitiativen oder andere Ehrenämter" gewinnen plötzlich für die FDP neue Bedeutung. Bahnt sich da im Windschatten der Steuersenkungsdebatte eine geistig-moralische Kehrtwende an? Mehr Gemeinsinn, weniger Egoismus?

Und dann Westerwelles Breitseite gegen all diejenigen, die nur noch Golfspiel im Sinn haben. Denen es an Gemeinsinn gebricht und die sich lustig machen über ehrenamtlich tätige Mitbürger.