Frankfurt am Main, sagt man mit stolzer Furcht, ist das deutsche New York. Mitten in Hessen übt eine schlagfertige Zukunft für die kommende Gegenwart. Während rechte Politikplaner mit dem Lamento über linke Utopien noch ihre Zeit vertreiben, ist die Wahrheit konkret. Der Verwaltung fehlt das Geld, um einen Stöpsel im Schwimmbad auszutauschen, und die Zeichen der Hochkultur, Theater, Oper und Museen, lagern als Realitätsattrappen im Raum der Stadt. Hier, unter dem impertinenten Optimismus der Hochhäuser, führt die Politik einen zermürbenden Kampf gegen Verwahrlosung, Gewalt und Armut.

Denn nirgendwo blamiert sich die Trendparole von der postmodernen Moderne so durchschlagend wie in der Metropole, die einmal das Wiegenlied von der "Kultur für alle" in die Welt gesetzt hat.

Gescheitert ist das Projekt des kulturellen Ausgleichs, mit dem ein redseliges Bündnis aus Sozial- und Christdemokraten den täglichen Sinnbedarf regulieren wollte. Jahrelang warb Hilmar Hoffmann, das Herz der Stadt, für die Verteilung des semantischen Wohlstands: für die Frankfurter Eintracht aus Kunstmoderne und Finanzmoderne.

Doch Frankfurt ist überall. Der Slogan "Kultur für alle" war eine Wohlstandstäuschung und liegt nun unterm Schuldenberg begraben.

Allerdings, nicht der egalitäre Sinn ist den Schwärmern vorzuwerfen, sondern der instrumentelle Geist, der sie beflügelt hat - der Angriff auf die inneren Angelegenheiten der Kunst, die Bewirtschaftung der Ästhetik, ihre Inbetriebnahme als Bindemittel für die Gesellschaft.

Die "Intimität zwischen Kultur und Politik", vor der Jürgen Habermas damals warnte, war verdächtig von Anfang an.

Doch kaum hat der alte abgewirtschaftet, steigt ein neuer Kulturbegriff auf den Thron. Er ist wohlerzogen, sonntags liberal und weckt keine schlafenden Hunde. Das Goethe-Institut liebt ihn, und auch der Kanzler und sein Feuilleton halten ihm das Händchen. Statt "Kultur für alle" heißt es nun "Kulturnation". Man könnte auch sagen: "Kultur für alle" war das Motto der alten Bundesrepublik, "Kulturnation" wird die Pathosfloskel der Berliner Republik. Nun, das hohe Wort lockt mit dunklem Glanz und majestätischem Zungenschlag.