Seit den siebziger Jahren hat sich die vergleichende Völkermordforschung in Nordamerika zu einem eigenen akademischen Fachgebiet entwickelt.

In Deutschland tut man sich dagegen mit dem komparativen Ansatz noch immer schwer - allzu leicht gerät man in den Verdacht, die Singularität des Holocaust relativieren zu wollen. Das ist um so bedauerlicher, als man der vergleichenden Methode bedarf, um die singulären Aspekte der nationalsozialistischen Judenvernichtung überhaupt erst scharf herausarbeiten zu können. Yves Ternon hat sich zum Ziel gesetzt, eine Bestandsaufnahme der grundlegenden Arbeiten amerikanischer Wissenschaftler zu liefern, um die Forschung in Europa zu beleben - und es ist das Verdienst des Hamburger Instituts für Sozialforschung, daß mit der Übersetzung des Buches aus dem Französischen erstmals eine solche Bestandsaufnahme in deutscher Sprache vorliegt.

Ternons Buch führt freilich nicht über die amerikanischen Arbeiten hinaus. Im Gegenteil, es bleibt deutlich hinter Leo Kupers Studie "Genocide: Its Political Use in the Twentieth Century" (1981), dem es in Aufbau und Argumentation weitgehend folgt, zurück. Das Buch stößt vor allem deshalb schnell an seine Grenzen, weil es sich nicht von der juristischen Definition des Genozids zu lösen vermag, den die Vereinten Nationen mit ihrer "Konvention zur Verhütung und Bestrafung des Genozids" aus dem Jahre 1948 vorgegeben haben.

Diese Definition ist jedoch als Grundlage für die wissenschaftliche Forschung nur bedingt geeignet. Zum einen erkennt sie nur nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppen als Opfer von Genoziden an. Ternon übernimmt diese Einschränkung, weshalb er zum Beispiel die Ermordung von weit über 100 000 psychisch Kranken und geistig Behinderten durch das nationalsozialistische Regime nicht als Genozid ansieht.

Zum anderen dient die UN-Konvention der Entwicklung eines internationalen Strafrechts. Sie soll einen juristischen Straftatbestand definieren und deckt daher nur vorsätzliche Taten ab, und da Ternon den Völkermord als Staatsverbrechen auffaßt, wertet er nur solche Massenmorde als Genozid, die von einem Staat in voller Absicht begangen werden.

Logische Konsequenz: Die Vernichtung der Aborigines auf Tasmanien und in weiten Teilen Australiens sind für ihn kein Genozid, weil sie nicht von einem "genozidären Staat", sondern von einer "genozidären Gesellschaft" ausgingen.

Schwerer als solche begrifflichen Haarspaltereien fällt ins Gewicht, daß die juristische Definition des Genozids die Ursachen und Voraussetzungen von Völkermorden völlig aus der Betrachtung ausklammert. Jeder Völkermord ist in einen Kranz je eigener gesellschaftlicher Rahmenbedingungen eingebettet. Für die juristische, moralische oder politische Bewertung ist dieser Kontext irrelevant, für die historische Sozialwissenschaft ist er der eigentliche Untersuchungsgegenstand. Gerade die vergleichende Forschung müßte die politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Strukturen und Prozesse analysieren, die zu einem Genozid führen. Sie braucht dazu eine sozialwissenschaftliche Theorie des Genozids. Ternon aber verzichtet bewußt darauf, eine solche Theorie aufzustellen er meint, daß es dazu noch zu früh sei, und überdies ist er von ihrer Notwendigkeit nicht überzeugt.