Zwei Fräuleins im Museum. Schüchtern schlängeln sie sich an den steinernen Exponaten vorbei, staunen, tuscheln und tasten hier und da nach einem Fuß, einer Nase, einem Schenkel aus Marmor, erst zaghaft und scheu, dann immer frecher, gieriger, denn der Stein ist ja noch fast warm, wie lebendig, und die Fräuleins sehnen sich nach Berührung, nach Lippen, Augen, einem Männerkopf, einem kraftvollen Arm . . . da schrillt ein Pfiff: Der Wärter hat sie gesehen. Erschrecken, Verwirrung, verlegenes Kichern. Kurze Pause dann beginnt das Spiel von vorn.

Isabel, die eine der beiden, wird bald reich sein. Und das ist gut so, denn Isabel Archer, die junge Amerikanerin in London, will ihr Leben genießen, solange es geht. "Da ist ein Licht", sagt Isabel, "das ich noch sehen will." Das Licht Italiens, zum Beispiel. Dort, auf der grand tour ins Land des Marmors, wird Isabel beides finden: die Kunst und die Liebe. Und dazu die Grausamkeit, die Habgier, die Herrschsucht und den Verrat. Vier Jahre später, 1877, kehrt Isabel als Lady Osmond nach England zurück, verheiratet, gedemütigt und zerbrochen. Sie hat ihre Freiheit gewollt - und die Tyrannei bekommen. Sie hat einen Menschen berührt, aber sie ist auf Stein gestoßen, auf einen kalten Willen, der ihr Leben zerstört.

Henry James hat für Isabel Archers Geschichte seinerzeit, im Jahr 1881, knapp 700 Buchseiten gebraucht. Jane Campion braucht nur zweieinhalb Kinostunden. Das ist immer noch viel. Aber es ist zugleich das Beste, was man ihrem "Portrait of a Lady" überhaupt nachsagen kann: daß es, nach langer Qual, immerhin ein Ende hat.

Denn so, wie die Autorin des "Pianos" und des "Engels an meiner Tafel" in den Eingeweiden von James' Gesellschaftsroman wühlt, könnte das "Portrait" noch stundenlang weitergehen: düster, verbissen, verhärtet und verkrampft. Ein Film aus parfümiertem Granit. Ein Delirium ohne Rausch. Eines langen Jammers Reise in die Nacht.

Die Henry-James-Verfilmung, hat Jane Campion erklärt, sei ihr Jugendtraum gewesen. Und wie ein Traum, hell und verzaubert, fängt der Film auch an. Da steht, irgendwo im Grünen, ein riesiger alter Baum, ein Baum voller junger Frauen. Sie reden, sie lachen, sie erzählen einander vom Küssen und Geküßtwerden, von der Liebe und vom Glück. "Es bedeutet, einen Spiegel zu finden", sagt eine.

"Den klarsten Spiegel. Und den treuesten." Dann sind wir in Gardencourt Palace, England, 1872. Isabel (Nicole Kidman) lehnt den Antrag ab, den Lord Warburton (Richard E. Grant) ihr gemacht hat. Sie sitzt im Gras wie eine Statue. Tränen glänzen in ihrem Gesicht: Tränen aus Glas.

Die Geschichte springt nach London, zuerst ins British Museum, dann in Isabels Dachkammer. Da geschieht das zweite kleine Wunder dieses Films. Gerade hat Isabel ihren nächsten Verehrer, den Amerikaner Goodwood (Viggo Mortensen), abgewiesen. Jetzt reibt sie ihr Gesicht an den Fransen des Bettes, streichelt ihre Wangen und ihren Hals und versinkt in einem Tagtraum. Warburton, Goodwood und Isabels Cousin Ralph (Martin Donovan) stehen in ihrem Zimmer und fallen über sie her. Sie gibt sich ihnen hin. Dann ist der Traum vorbei.