Mit Reinhold Messner ist es so in diesen Tagen: Auch er friert jämmerlich. Es nützt ihm gar nichts, daß er hin und wieder auf dem Mount Everest ist, in Grönland, an den Polen. Abhärtung auf Lebenszeit gibt es nicht. Sein Körper stellt sich bald um, wenn er die eisigen Gefilde verlassen hat, und dann ist Messner bei einem Kälteeinbruch genauso verfroren wie alle anderen. Ein Trost ist das natürlich nicht. Aber mit Reinhold Messner kann es einem gelingen, für eine Weile minus zehn Grad als ganz angenehm zu empfinden. Man läßt ihn einfach berichten, wie es bei minus dreißig Grad ist, bei minus vierzig, bei minus fünfzig.

Ja, er kann erzählen. Also hängt man bald mit ihm in der Nordwand des Mount Everest auf 8000 Metern, und es wird Nacht. Weiterklettern geht nicht. Das wäre der Tod. Damit entfällt die einzige Heizung, die es in Eis, Schnee und Felsen gibt: Bewegung. Man liegt nun still in seinem Zelt, hört den Wind heulen und friert, friert die ganze Nacht, trotz Schlafsack und Spezialwäsche. In der Höhe ist Kälte besonders schlimm, weil der Blutzucker mangels Sauerstoff nicht richtig heizt. An Schlaf ist nicht zu denken. Man wartet auf den Tag. Noch 848 Meter.

Ortswechsel. Antarktis, fünfhundert Kilometer vor dem Südpol.

Mal sind es minus dreißig Grad, mal minus vierzig. Den Unterschied spürt man nicht, nicht am Körper jedenfalls. Je kälter es ist, desto schlechter gleiten die Schlitten, weil der Schnee unter den Kufen nicht schmilzt. Messner mag die Kälte der Antarktis, weil sie trocken ist. Wenn er läuft und den Schlitten schleppt, friert er nicht. Schlimm würde es nur bei weniger als minus vierzig Grad. "Da spürt man's." Noch schlimmer ist Wind. Bei Wind verfrieren die Wangen in kürzester Zeit, werden dunkelviolett und tun höllisch weh. Es sei, sagt Messner, "exakt der gleiche Schmerz", als würde ein brennendes Streichholz an die Wangen gehalten.

In der Nacht sinkt das Thermometer auf minus fünfzig Grad. Man liegt im Zelt in einem doppelten Schlafsack und friert, aber nur zwei Stunden lang. Dann hat der Körper den Schlafsack aufgewärmt.

Es muß ziemlich heimelig sein. Eine Viertelstunde großen Glücks, bevor einen der Schlaf übermannt. Furchtbar ist der Morgen. Man will den Schlafsack nicht verlassen, auf keinen Fall, auf gar keinen Fall. Aufstehen wird zur Geburt, wer will schon raus aus seiner gemütlich warmen Gebärmutter.

Zwanzigtausend Kilometer weiter nördlich ist es noch übler. Außerhalb des Schlafsacks erwartet einen feuchte Kälte. Minus dreißig Grad in der Arktis seien schwerer zu ertragen als minus vierzig Grad in der Antarktis, sagt Messner.