Zum ersten Mal hat der Bundespräsident so richtig auf den Tisch gehauen. Herzogs Zorn galt sogar den Parteien der Bonner Regierungskoalition - vorwiegend wohl der FDP. Doch hier stockt der Zeitgenosse schon.

Zwar verdammte der Bundespräsident die Diskussion über den Solidaritätszuschlag: "So kurzschlüssig, wie ich mir das kurzschlüssiger nicht vorstellen könnte." Aber bevor irgendein Liberaler getroffen hätte aufheulen können, sprach Herzog - im Blick auf die Transferleistungen für die ostdeutschen Bundesländer - weiter. Wenn diese Lasten anders finanziert werden könnten, sei ihm der "Soli" egal: "Woher das Geld kommt, ist mir völlig gleichgültig." Das könnte sogar General Westerwelle unverkrampft unterschreiben.

Dennoch wiegen Verfassungsrechtler die Köpfe: Darf denn der Bundespräsident in den Parteienstreit eingreifen und Zensuren verteilen? Die sonderbarste Antwort darauf hatte Friedrich Karl Fromme von der FAZ parat, der lieber Steffen Heitmann im Schloß Bellevue und Herzogs Unterschrift nicht so gerne unter liberalen Urteilen aus Karlsruhe gesehen hätte: "Herzog, beliebt vor allem beim Bürgertum, das der silbernen Worte des Vorgängers überdrüssig war, ,darf` mehr als alle seine Vorgänger." Schrieb's und demontierte sogleich die sachlichen Argumente des Präsidenten nach Strich und Faden.

Da ist er wieder, der lästige Vergleich mit dem "Vorgänger". Er ist aber zugleich lehrreich. Richard von Weizsäcker verdankte die große Aufmerksamkeit nicht nur seiner eigenen gedanklichen Leistung, sondern auch dem Mut zum dosierten Konflikt, also auch dem Umstand, daß er im Stil wie in der Sache als Antipode zum Bundeskanzler wahrgenommen wurde. Das begann schon mit seiner Kandidatur, die er Helmut Kohl praktisch im Alleingang abgetrotzt hatte. Später konnte ihm, ganz unschuldig, der Stoßseufzer entfahren, zu diesem oder jenem wolle er nichts sagen die Medien würden es doch nur wieder als Angriff auf Kohl auslegen. Als er sich dann trotzdem dazu bewegen ließ, seine Kritik am Parteienstaat, also am Zustand aller Parteien, zu formulieren, titelte der Spiegel - mit Bild von Kohl und Weizsäcker: "Der Abkanzler".

Ausgerechnet die Abwesenheit eines solchen Grund-Widerspruchs führt bei Herzog zu einem merkwürdig widerspruchsvollen Bild im Detail. Studiert man Herzogs Reden, so stößt man auf viele Stellen, in denen der Präsident Politik, Wirtschaft und Gesellschaft viel unverblümter und drastischer kritisiert als seine Vorgänger, wenngleich dann oft Formulierungen folgen, die seinen Sätzen den Stachel des verfassungsrechtlichen Skandals rechtzeitig ziehen. Schlag nach bei Herzog: Es dürfte inzwischen keine Defizite, keine Systemfehler, keine außenpolitischen Verkrampfungen mehr geben, die in seinen Reden nicht kritisiert wurden. Weshalb dann aber die vergleichsweise folgenlose Zustimmung?

Es mag sein, daß Herzog schon viele Reden gehalten hat und daß die Vernünftigkeit jeder einzelnen Ansprache durch die Streubreite der Summe aller Äußerungen verschüttet wurde. Vielleicht ist Herzog auch mehr ein Intellektueller geblieben als ein Politiker geworden: Der Intellektuelle sucht nach immer neuen Einsichten die Wirksamkeit des Politikers hängt von der Ausdauer ab, mit der er wenige elementare Botschaften ohne Scheu vor Wiederholung vertritt. Herzogs Stab scheint jedenfalls irritiert zu sein von der Tatsache, daß sich die Stimme des Meisters gewissermaßen spurenlos "versendet".

Was tun, um der zweiten Halbzeit der Amtsperiode mehr Wirkung zu verleihen? In der Theorie soll der Bundespräsident sich ganz aus dem politischen Tageskampf heraushalten. Die Praxis unserer von Reizwirkungen und Zuspitzungen lebenden Mediendemokratie aber lehrt: Ohne ein Minimum an Polarisierung und Positionierung schwindet die Aufmerksamkeit. Das Paradox des Präsidenten: Zwar darf er den Streit nicht suchen. Aber ein bißchen umstritten muß er schon sein, wenn er sich einprägen soll - dem öffentlichen Bewußtsein wie den Geschichtsbüchern.