Noch am Tag ihrer Ankunft in Sarajevo hatte der Manager der chinesischen Handelsgesellschaft Liu De Yi mit der Polizei zu Hause in Taiyuan telephoniert und gesagt, Herr Han und Herr Ren wären planmäßig angekommen. Planmäßig war nicht ganz korrekt. Immerhin hatten Herr Han und Herr Ren außerplanmäßig eine Nacht im Transitraum des Zagreber Flughafens zugebracht. Eine unkomfortable Nacht auf Schalensitzen, neben ihren Koffern und den Woks, die so groß sind wie Babybadewannen. Dann hatte sich der Nebel über Sarajevo gelichtet, sie konnten weiterfliegen in die neue Heimat.

Herr Han und Herr Ren waren, in der einen Hand einen Koffer, in der anderen ihre Woks balancierend, endlich über das Rollfeld geschritten. Sie hatten die schneebedeckten Berge von Sarajevo gesehen, die Fichtengruppen, die dicht an die Berghänge gebauten Häuser, und sie hatten sich gewundert, daß man in dieser Stadt Häuser an Berghänge baute. Auch Taiyuan liegt in einem Tal, umgeben von Bergen, aber dort gibt es keine Fichten, und kein Mensch kommt auf die Idee, an einen Berghang ein Haus zu bauen, das mit der Schneeschmelze ins Tal gerissen werden würde.

Gewöhnlich hat Herr Liu Wichtigeres zu tun, als zwei Köche aus der chinesischen Provinz Shanxi an einem halbzerstörten Flughafen in Empfang zu nehmen. Herr Liu lebt in Budapest, wo er sich um den Warenaustausch zwischen seinem Land und dem Ausland verdient macht. Manchmal vermittelt er Arbeitskräfte, zum Beispiel schickt er Bauarbeiter in den Irak oder in den Jemen. An diesem Dezembertag stand er in Sarajevo, weil sich eine kroatische Journalistin in den Kopf gesetzt hatte, in Sarajevo das erste chinesische Restaurant zu eröffnen, in dem echte Chinesen aus dem Herzen Chinas kochen würden. Und dafür braucht man einen Mann wie Herrn Liu.

Das Restaurant heißt "Shuang Xi", was soviel bedeutet wie "Doppeltes Glück". Geht man einmal davon aus, daß in Sarajevo etwa 20 000 Ausländer leben, Diplomaten, Mitarbeiter internationaler Organisationen, von denen jeder dritte inzwischen bei dem bloßen Gedanken an Cevapcici Sodbrennen bekommt, müßte man mit einem chinesischen Restaurant in einem Monat wahrscheinlich mehr verdienen als mit einem der höchstdotierten Journalistenpreise, sollte man ihn denn jemals erhalten.

Das Restaurant liegt oberhalb der Stadt. Man passiert die Kathedrale, geht an der Musikakademie vorbei, folgt einer steil bergan führenden Straße, und wenn man zum zweiten Mal stehenbleibt, um nach Atem zu schnappen, sieht man die roten Reispapierlampions. Sie sind am Verandadach eines kleinen Hauses befestigt und wirken in dieser Umgebung so überraschend wie die kreisrunden Lichter eines in einer menschenleeren Wüste landenden Ufos.

Seit Wochen kursierte in der Stadt das Gerücht, jemand wolle ein chinesisches Restaurant eröffnen. Sonst war nicht viel los, in diesen letzten Dezembertagen. Fast immer lag Nebel über der Stadt wie ein gigantischer Wattebausch, und von hier oben sah man nicht viel mehr als die Spitzen der Minarette, die durch den Nebel stachen. Viele Ausländer hatten Sarajevo verlassen, um Weihnachten und Neujahr in Oslo, Lyon oder wo immer sie zu Hause waren zu feiern. Eine Zeitlang sprach man von der Salmonellenvergiftung, die sich die Gäste bei einem Empfang einer ausländischen Botschaft zugezogen hatten; dann sprach man von der neuen Diskothek, und jetzt sollte also in wenigen Tagen ein Restaurant eröffnet werden.