Wie lange haben sich die Menschen danach gesehnt: Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Reisefreiheit? Und jetzt? Enttäuschung über die Demokratie in Ostdeutschland. Besonders beklagen die Ostdeutschen die als mangelhaft wahrgenommene Möglichkeit politischer Mitwirkung und Einflußnahme. Das Modell der repräsentativen Demokratie akzeptieren sie weniger als die Westler.

Haben sie etwa Sehnsucht nach dem "demokratischen Zentralismus"? Ist vergessen, daß die Ablehnung von Anträgen, zum Beispiel zu sogenannten Anlaßreisen (Besuche bei Familienangehörigen in der Bundesrepublik zu besonderen Anlässen) nicht begründet werden mußte? Ist vergessen, daß einem bei der Wiedereinreise aus Ungarn der DDR-Zoll Bücher abnehmen konnte? Undurchschaubare Entscheidungen bei der Studienplatzvergabe, bei Wohnungszuweisungen oder Anlaßreisen erschienen oft in der Willkür von Behördenvertretern begründet, waren aber in Wirklichkeit parteipolitisch motiviert.

Aber hatte man wirklich überhaupt keine Einflußmöglichkeiten? Mit geschickt formulierten Eingaben, an die "richtige Stelle" adressiert, notfalls an den Staatsratsvorsitzenden, konnte man manches erreichen.

Partei und Staatsmacht bemühten sich in den letzten Jahren der DDR um die Vermeidung von Konflikten und um soziale Harmonisierung. Die SED-Führung wollte Ausreiseanträge vermeiden, die im Zuge der Helsinkiprozesse häufiger wurden. Der ostdeutsche Soziologe Wolfgang Engler nennt die DDR eine "Aushandelsgesellschaft". Ansprüche und Wünsche der Bürger, zum Beispiel nach einer Wohnung, dem Kauf eines Autos außerhalb der Warteschlange, einem Telephonanschluß wurden zwischen Staatsmacht und Bürgern ausgehandelt. In der Regel führten die Antragsteller ihre gesellschaftlichen und politischen Verdienste ins Feld, um ihre Ansprüche zu begründen. Dies war selbst bei Rechtsverletzungen der Fall, wo auch das Arbeitskollektiv ein gewichtiges Wort im Aushandlungsprozeß mitzureden hatte.

Wer nicht anstrebte, daß seine Kinder Medizin studieren sollten, oder wer nicht Reisekader werden wollte, hatte sogar Möglichkeiten, die Staatsmacht zu erpressen. Dazu boten die "Volkswahlen" trotzigen DDR-Bürgern Gelegenheit. Man ging nicht zur Wahl und wartete zu Hause, bis die sogenannten Wahlhelfer auftauchten, um die Gründe für das Fernbleiben zu erkunden. Durchaus glaubhaft sind die Anekdoten über Begründungen, die da vorgebracht wurden: Man bekomme kein dringend benötigtes Ersatzteil für seinen Trabant, oder der Antrag auf Wohnungstausch sei nicht genehmigt worden, obwohl alle beteiligten Parteien einverstanden seien. Noch am Wahltag bemühten sich die "zuständigen Organe", dem Übel abzuhelfen und den renitenten Bürger an die Wahlurne zu bringen. Dies mag absurd erscheinen, weil ja die Wahlergebnisse schon vorher feststanden; es konnte aber dem einzelnen, der sich auf diese Weise gegen die Staatsmacht durchgesetzt hatte, auch ein Gefühl der persönlichen Wirksamkeit geben.

Daß man in einer repräsentativen Demokratie nicht unmittelbar persönlich etwas verändern kann, gehört zu den politischen Enttäuschungen vieler neuer Bundesbürger. Die Vorstellung ist verbreitet, jeder müsse alles entscheiden und jeder müsse etwas bewirken können. Irma Hanke, DDR-Expertin und Sozialwissenschaftlerin an der Universität München, spricht in diesem Zusammenhang von Kumpelhaftigkeit und der Neigung, die alte und die neue politische Ordnung über einen Kamm zu scheren, der ostdeutsche Soziologe Reinhard Bobach von "plebejischem Universalismus": Auch unter den Bedingungen der Freiheit sollen alle mehr oder weniger gleich behandelt werden. Früher waren die Herrschenden von der übrigen Gesellschaft abgehoben, jetzt sind sie es auch. Erich Honecker fuhr nicht mit der U-Bahn zum Dienst, Helmut Kohl tut es ebenfalls nicht.