Im Errichten von Gedenkstätten seien die Deutschen von heute mindestens so eifrig wie einst ihre Eltern beim Wirtschaftswunder nach dem Krieg, sagt der amerikanische Judaistikprofessor James E. Young - oder wie ihre Großeltern beim Aufbau des "Dritten Reiches". Noch emsiger allerdings diskutieren sie mit Vorliebe darüber, wie sich an die Schrecken des Holocaust angemessen erinnern ließe. Auch in Berlin sind für die nächsten Wochen wieder Wortwirbeleien zu erwarten, denn in drei Kolloquien erörtern dort Politiker, Historiker und auch einige Künstler, was aus dem geplanten "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" nun werden soll.

Der aufmerksame Zeitgenosse mag sich wundern, klingen ihm doch die Traktate der Zeitungen und die hitzigen Talk-Show-Diskussionen rund um das mahnende Mal noch in den Ohren. Alle Argumente wurden bereits vor knapp zwei Jahren hin- und hergewendet, als ein dreißigköpfiges Preisgericht, Hans Jochen Vogel, Frank Schirrmacher und natürlich die Initiatorin und Journalistin Lea Rosh inklusive, aus 528 eingereichten Wettbewerbsbeiträgen den Entwurf einer Berliner Künstlergruppe auserkor: eine schräg liegende Platte, größer als ein Fußballfeld, auf die alle Namen der ermordeten Juden eingemeißelt werden sollten. Damit schien die Idee einer engagierten Bürgerinitiative, endlich auch in Deutschland ein zentrales Mahnmal für den Massenmord zu errichten, ihre Form gefunden zu haben. Doch bald schon gab es fast niemanden mehr - außer Lea Rosh -, der den Entwurf verteidigte; die Kritik daran vereinte selbst Daniel Cohn-Bendit mit dem Kanzler, der den Entwurf ablehnte, weil er das Stadtbild nahe des Brandenburger Tores beeinträchtigt hätte.

Seitdem schweigen die Auslober, der Bund, das Land Berlin und der "Förderkreis zur Errichtung eines Denkmals". Geduldig hörten sie die vielfältigen Einwände - und vergaßen sie dann offenbar wieder. Denn warum sonst sollten sie jetzt weitermachen, als wäre nichts gewesen, als hätte es die Forderungen nach einem neuen Wettbewerb, nach einem anderen Grundstück, nach alternativen Formen des Erinnerns nie gegeben? Alles bleibt beim alten, versichert Berlins Kultursenator Peter Radunski - nur daß man jetzt auch über die fünfzehn weiteren Entwürfe, die vor zwei Jahren prämiert wurden, noch einmal nachdenken wolle.

Warum die Auslober auf den einmal bestimmten Bedingungen beharren? Vielleicht, weil sie sonst wohl erkennen müßten, daß ein Zentralmahnmal grundsätzlich die falsche Form ist, um des Holocaust zu gedenken: Es wäre ein Schlußstein. Die Frage nach der nationalen Schuld würde nicht gestellt, sondern planiert, Staatsgästen und ausländischen Touristen riefe man zu: "Seht her, wir haben unsere Lektion gelernt!" Erinnerung wäre in bedeutungsschwangerer Form erstarrt, und die Täterkinder erschienen geläutert.

Mehr noch: Sie würden mit ihrem Monument selbst in die Rolle der Opfer schlüpfen. So erklärten die Initiatoren des Berliner Denkmals, Lea Rosh und Eberhard Jäckel, inspiriert habe sie die große jüdische Gedenkstätte Jad Vaschem. Und prompt wurde dann ein Entwurf zum Sieger gekürt, der mit der Grabplatte und den darauf deponierten Steinen jüdische Trauerriten assoziiert. So wie es zwischen der Vernichtung der europäischen Judenheit und der Geburt des Staates Israel nach den Worten des Historikers Saul Friedländer eine mythische Verknüpfung gibt, so will offenbar auch das wiedervereinigte Deutschland den Holocaust zu einem Teil seiner Gründungslegende erklären.

Spätestens seit dem 19. Jahrhundert gehören nationale Denkmäler zum klassischen Repertoire, mit dem der moderne Staat seiner selbst gedenkt. Eine Form politischer Selbstdarstellung, die den Märtyrern der Nation geweiht wird und oftmals von der göttlichen Erwähltheit des eigenen Volkes erzählt. Jedes Mahnmal, das auf den 20 000 Quadratmetern in der Berliner Mitte errichtet wird, ist dazu verdammt, in dieser Tradition zu stehen. Es wird monumental sein müssen, wird den Staat ehren und die Juden zu Helden der deutschen Geschichte erklären. Ein Denkmal dieser Größe kann keinen anderen Subtext haben: Es signalisiert Triumph, nicht Trauer.