Eva Duarte, fünftes uneheliches Kind ihrer Mutter Juana Ibarguren und achtes Kind ihres Vaters Juan Duarte, der zwei Familien unterhielt, eine legale in der Stadt und die nicht legalisierte von Evitas Mutter auf dem Land - ein nicht unübliches Verfahren im Argentinien der zwanziger Jahre -, Eva Duarte war ein Medienwesen von ihren Anfängen an. Zunächst geträumter Star, wie viele Mädchen auf dem Land, deren Lektüre aus den Fanmagazinen besteht, die überall auf der Welt die neu eindringenden technischen Medien Radio & Film begleiten wie die Fliegen das Fleisch; danach weniger geträumt, ab fünfzehn, auf dem steinigen Aufstiegsweg eines Starlets in Buenos Aires' Medienwelt.

Nach vielen Theater- und Filmversuchen hatte Eva Duarte 1943 ihren Durchbruch in einer Radioserie politischer Soap-operas mit dem Titel "Heldinnen der Geschichte", in der sie nacheinander Sarah Bernhardt, Isadora Duncan, der Zarin Alexandra, Napoleons Josephine, Maria Stuart, Queen Elizabeth I. und Madame Tschiang Kai-schek ihre Stimme gab. "For Evita, life would soon imitate art", hat Peróns Biograph Joseph Page fein angemerkt. Anders gesagt: Die politische Wirklichkeit folgt der medialen des Radios nach; Evita ist auf dem Sprung in eine Führerin-Position direkt an der Seite Juan Peróns.

Perón entert das Radio 1944. Er hat den Auftrag, die Folgen des Großen Erdbebens von San Juan zu entsorgen. Bei der großen Wohltätigkeitsgala im Luna Park in Buenos Aires, die dazu anfällt (vier Stunden live im Radio), treffen Evita und Perón zum ersten Mal zusammen: Evita auf dem Höhepunkt ihrer Radiokarriere, Juan Perón als Argentiniens durchs Erdbeben populärster Politiker (wie Helmut Schmidt 1962 aus der Hamburger Hochwasserkatastrophe kam, die Ortega-Brüder in Nicaragua aus dem Erdbeben von Managua oder Voltaire zweihundert Jahre zuvor als Großphilosoph aus dem Erdbeben von Lissabon).

Bei der "Luna Park Extravaganza" findet Evita den Platz neben Perón unbesetzt. Sie nimmt ihn sich, und er klinkt ein. Sie haben sich, dergestalt von Erdbebenstößen und Hertz-Frequenzen füreinander bestimmt, nicht mehr losgelassen in den ihnen vergönnten achteinhalb Jahren bis zu Evitas Tod durch Gebärmutterkrebs.

Peróns exzeptionelle Klugheit bestand darin, erkannt zu haben, daß die Radiofrau als Wohltätigkeitsengel an der Staatsspitze mehr wert war als die Unterstützung der Rinder- und Hochöfen-Barone und aller Militärs zusammen, wenn es darum ging, die gärenden sozialrevolutionären Teile der argentinischen Arbeiterschaft zu kontrollieren und zu lenken. Er setzt Evita durch und hält gegen alle Widerstände und Intrigen an ihr fest, er nimmt sein ungehobeltes Radioweib überall mit hin, wo Evita (und das planmäßig) Entsetzen auslöst und "die Damen verschreckt"; und man läßt ihn gewähren, weil mit den üblichen Mitteln der argentinischen Oberen (Gefängnis, Folter und Waffengewalt) der Aufbruch in die Moderne nicht in den Griff zu bekommen gewesen wäre. Evita bekommt ihn in den Griff.

Ihr helfen dabei zwei unschätzbare Vorteile. Sie ist eine Frau mit Glamour und Unterschichtjargon, also massenkompatibel. Ihr wird geglaubt, wenn sie an Mikrophonen steht. Ihr Mann ist zwar auch einer "von unten", 1944 aber Teil einer Militärregierung, die durch einen Putsch an die Macht gekommen ist, ein Mann also, dem man gar nichts glaubt, wenn es um soziale Belange und inneren Frieden geht. Perón war auch kein guter Redner, nur ein hervorragender Lächler. Ihm stand kein geeigneter innerer "Feind" (wie die Juden und Kommunisten für Hitler) zur Verfügung auf seinem Propagandazug zur Macht. Er überließ die großen öffentlichen Worte Evita. Kaum ein paar Wochen nach ihrer Begegnung mit Perón spricht sie nicht mehr nur die "Heldinnen der Geschichte" im Radio, sondern täglich jeden Morgen die Propagandasendung aus Peróns Arbeits- und Sozialministerium. Serientitel: "Für eine bessere Zukunft".