Mit einwöchiger Verspätung schreiten wir zur Siegerehrung. Nach einstündiger, kontroverser Diskussion hat unsere einköpfige Jury einstimmig entschieden: "Feuilleton des Jahres 1996" ist das Feuilleton der Frankfurter Rundschau.

Den letzten Ausschlag für die Jury-Entscheidung gab einer der letzten FR-Beiträge des vergangenen Jahres. Am 28. Dezember 1996 erschien ein wegweisender Aufsatz, und zwar: "Zum gestrigen 90. Geburtstag des Fotografen Andreas Feininger".

Zum gestrigen! Das ist souverän, das hat Klasse! Das könnte eine neue Epoche im deutschen Kulturjournalismus einleiten!

Zum gestrigen! Nein, da hat nicht etwa die Redaktion einen Geburtstag verschlafen. Da hat auch nicht am Geburtstag der Autor des Geburtstagsaufsatzes in der schlafenden Redaktion angerufen und beleidigt an den heutigen (heute natürlich längst damaligen) Feininger-Geburtstag erinnert.

Nein, da hat man in Frankfurt heiter, gelassen und ironisch ein Zeichen gesetzt: gegen jenen hechelnden Voraus-Journalismus, der immer zu früh kommt mit seinen Projekten - und mit jedem Jahr früher als früh.

Aber seien wir keine Pharisäer! Auch in dieser Redaktion ist das Jagdfieber längst ausgebrochen. Nehmen wir nur (ein Beispiel für viele!) unseren Kollegen vom Theater. Seit Wochen schwadroniert er nur noch vom "Jahrhundertthema 1999". "1997" (Heinejahr und Schubertjahr) in allen Ehren, von "2000" gar nicht zu reden! Aber das abendländische Schlüsseljahr sei eben doch 1999. 400 Jahre "Hamlet". Da müsse unser Blatt ganz weit vorn sein, mit allen Kräften zuschlagen. Schwerpunkt! Serie! Dossier! Auch die heiklen erotischen Nebenaspekte des Themas (Ist Ophelia noch Jungfrau? Schläft Hamlet mit seiner Mami?) müßten endlich brutal durchrecherchiert werden. Ein ZEIT-Forum sei geplant, zu dem er sämtliche lebenden und toten Hamlet-Darsteller ins "Atlantic" eingeladen habe. Schon habe auch Helmut Schmidt ein Eröffnungsreferat zugesagt, Arbeitstitel: "Mit Fiete Schütter in Helsingör".