Lodewijk de Waal schmunzelt: "Es tut schon gut, plötzlich als positives Beispiel dazustehen". Dann schaut das Vorstandsmitglied des größten niederländischen Gewerkschaftsdachverbandes zum Fenster hinaus über die Skyline des Haager Regierungsviertels. Dorthin, wo der Arbeitgeberverband residiert und sagt dann mit Genugtuung: "Wir mögen keine Konflikte. Ausgleich ist wichtig." Nach kurzem Zögern fügt er hinzu: "Vor zehn Jahren hätte ich mit Sicherheit jeden, der ein Modell sucht, nach Deutschland geschickt. Im Moment kenne ich keines, das besser funktioniert als unser Konsensmodell."

Tatsächlich hat der Gewerkschafter Grund für seinen Stolz. In der Europäischen Kommission verweist man bei der Suche nach europäischen Musterländern gern auf die Niederlande, denn sie nähern sich den Maastricht-Kriterien, ohne durch die Einsparungen soziale Unruhen auszulösen. Bundeskanzler Helmut Kohl hat sein Faible für den Nachbarstaat entdeckt, und Bundesbankchef Hans Tietmeyer lobte den "Primus, der allen voraus ist" unlängst so heftig, daß sich der holländische Finanzminister weitere Hymnen verbat - wohl aus Angst, seine Landsleute könnten dann den Reformeifer verlieren.

Tatsächlich zeigt der einstige Prototyp des überkommenen, hochverschuldeten Sozialstaates seinen Nachbarn nicht nur, wie man spart. Die Niederländer führen gleichzeitig vor, wie ein Sozialsystem erfolgreich umgebaut werden kann. Und sie schaffen das scheinbar Unmögliche: Die Zahl der Arbeitslosen sinkt, neue Arbeitsplätze entstehen - im vergangenen Jahr immerhin rund 100 000. Immer weniger Menschen brauchen Sozialhilfe. Das Defizit schrumpft, die Wirtschaft wächst. Selbst eine Art Ökosteuer hat die Regierung nun eingeführt, und dennoch blicken Unternehmer optimistisch in die Zukunft. Dabei sind weder Regierung noch Bürger bereit, für den Weg in die Moderne ihren Sozialstaat einzumotten. Sie suchen bewußt nach der europäischen sozialen Antwort auf das neoliberale amerikanische Gesellschaftsmodell.

"Wir haben die Krise des Sozialstaates schon viel früher und viel stärker erlebt als die meisten anderen europäischen Länder. Also mußten wir auch früher umdenken", erklärt Gewerkschafter de Waal. Tatsächlich hatte sich die holländische Situation bereits 1982 gefährlich zugespitzt. Der Versorgungsstaat hatte sich verausgabt. Der Wunsch, der Staat müsse immer in allen Notlagen helfen, war schlicht unbezahlbar geworden. Die Inflation und der Anteil des Haushaltsdefizits stiegen auf über zehn Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Steuern und Abgaben hatten das Maß des Erträglichen längst überschritten. Am bedrohlichsten aber entwickelte sich das Rückgrat des Sozialstaates, der Arbeitsmarkt: Die Arbeitslosigkeit erreichte mit zwölf Prozent Rekordhöhen.

Dann, auf dem Höhepunkt der Krise, passierte etwas, was noch heute, fünfzehn Jahre später, typisch für den niederländischen Umgang mit Krisen ist: Nicht nur die Regierung wurde aktiv. Auch Arbeitgebervertreter und Gewerkschafter analysierten die Situation - und zwar gemeinsam. Im "Akkord von Vassenaar" formulierten sie dann auch gemeinsam ihre Schlußfolgerungen. "Eine der Erkenntnisse lautete, daß die hohen Arbeitskosten für die Krise mitverantwortlich waren", erinnert sich Gewerkschafter de Waal und fügt dann amüsiert hinzu: "Ich habe das damals übrigens nicht geglaubt, aber ich konnte mich glücklicherweise nicht durchsetzen."

Die Tarifparteien ließen den Worten tatsächlich Taten folgen. Sie vereinbarten einen Lohnstopp und gleichzeitig Arbeitszeitverkürzung - wohlgemerkt 1982, als in Deutschland um den vollen Lohnausgleich gekämpft wurde. Der Pakt wirkt bis heute: Während es vor fünfzehn Jahren zwischen beiden Ländern keinen Unterschied gab, liegen die Lohnstückkosten in Holland heute bei achtzig Prozent des deutschen Niveaus. "Wir sind mit der Entwicklung zufrieden", sagt Jan Willem van der Braak, Sozialexperte des VNO/NCW, des wichtigsten Arbeitgeberverbandes.