Der Massenstart", so Sir Albert Lunn, "erfolgte auf dem höchsten Punkt des 2970 Meter hohen Schilthorngipfels. Diejenigen, welche es nicht gewagt hatten, bis auf den Gipfel hinaufzusteigen, warteten weiter unten und nahmen das Rennen erst auf, als die ganz oben Gestarteten bei ihnen vorbeifuhren. Der Schnee", schilderte der Chronist der frühen Tage weiter, "war natürlich unpräpariert und die Strecke enthielt einige Gegensteigungen. Doreen Elliott, die einzige beteiligte Dame, verlor beinahe zehn Minuten, weil sie zurückstieg, um einem Fahrer zu helfen, welcher sich eine Rippe gebrochen hatte. Trotzdem klassierte sie sich als Vierte hinter dem Sieger Harold Mitchell, der die 15 Kilometer lange Strecke in einer Stunde und zwölf Minuten meisterte."

Es ist fast 56 Jahre her, daß der britische Skipionier Sir Arnold Lunn im Januar 1928 die Premiere des Mürrener Inferno-Rennens beschrieb. Lunn hatte einen bei den Fans des weißen Sports legendären Wettkampf ins Leben gerufen.

Nur wenig hat sich seither in den 53 Inferno-Rennen geändert sieht man einmal davon ab, daß sich im Gegensatz zu damals mit nur acht Teilnehmern heute bis zu 1500 Abfahrer zu Tale stürzen. Es gibt keinen Massenstart mehr, und die Piste wird zumindest teilweise präpariert. Aber was heißt schon "präpariert" und "Piste"? Da kann nur verächtlich lachen, wer sich vom 2970 Meter hohen Schilthorn über fast 16 Kilometer nach Lauterbrunnen auf 800 Meter hinabgekämpft hat: am Ende aller Kräfte, über bucklige Steilhänge, quälende, kilometerlange Ziehwege, das Selbstbewußtsein zerfressende Anstiege und durchs vereiste "Kanonenrohr". Wer jedoch einmal vom Rennfieber infiziert ist, will den Schmerz nicht mehr missen. Inferno-Fahrer sind Wiederholungstäter.

Beeindruckend und ein wenig beklemmend ist schon die Ankunft in Lauterbrunnen, eine knappe halbe Stunde von Interlaken im Berner Oberland entfernt. Rechts steigt senkrecht eine kilometerlange schwarze Felswand empor. Wenige graue Schneereste drücken in diesen Tagen Anfang Januar 1995 aufs Skifahrergemüt. Doch nach fünfzehnminütiger Fahrt mit der Zahnradbahn nach Mürren hinauf auf das 1650 Meter hoch gelegene Plateau ist das schlagartig vorbei. Zwar liegt wenig Schnee, aber trotzdem ist der Ort eine friedvolle, autofreie Winteridylle. Keine monströsen Berghotels, fast ausnahmslos Chalets oder andere holzverkleidete Gebäude. Mürren besitzt bei 350 Einwohnern, einem knappen Dutzend Hotels und etwa 100 Ferienwohnungen nur rund 2000 Betten. Vor dem Rennen ist allerdings kaum noch ein Lager frei.

Auf geht's zur Streckenbesichtigung! Schnell verpufft aller Elan. Die Tafel an der Schilthornbahn zeigt an: "Föhnsturm, keine Auffahrt". Noch zwei Tage bis zum Rennen. Rutschen wir also ersatzweise über die Übungshänge direkt beim Ort. Kleinkram. Ärgerlich. Unter unserem Niveau. Erst abends steigt die Stimmung wieder an bei Raclette, Käsefondue und Kirsch im rustikalen "Stäger-Stübli". Erste Eindrücke werden mit Inferno-Cracks ausgetauscht. Bloß das eigene Licht nicht unter den Scheffel stellen . . .

Freitag, der Tag vor dem Rennen. Ein vorsichtiger Blick aus dem Hotelfenster zeigt: immer noch Föhnsturm. Dunkle Wolkentürme versperren den Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau, die sonst fast zum Greifen nahe gegenüber liegen. Es besteht keine Möglichkeit mehr, die Strecke zu testen. Und aus dem Rennbüro kommt die Horrornachricht, daß die Piste in diesem Jahr aufgrund akuten Schneemangels leider nur fünf statt wie gewohnt 15,8 Kilometer lang sein wird. Zur Gesamtstrecke, das wissen wir jetzt, reicht die weiße Pracht nur alle drei, vier Jahre.