Was tut eine Neunzehnjährige, die sich in einen toten Dichter verliebt, in Lord Byron? Ganz einfach: "Ich habe einen Roman über ihn geschrieben", sagt Tanja Kinkel. Natürlich. Einen Roman. Mit Neunzehn. Weil sie sich geärgert hat: wie die Biographen Augusta behandeln, Byrons Halbschwester und große Liebe. Nichts als männliche Herablassung, findet Tanja Kinkel, "dabei war sie so eine starke Frau". Sagt es und blinzelt nervös mit den Augen. Interviews macht sie immer noch nicht mit links.

Dabei hat sie gar keinen Grund, aufgeregt zu sein: Wir sitzen in ihrer Münchner Winzwohnung, das Gespräch ist für sie also ein Heimspiel. Und außerdem gilt Kinkel als eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen. Jetzt. Heute. Und nicht, weil sie modische Weiber-Seichtliteratur verfaßt, die den Kopf verklebt wie ein ausgelutschter Kaugummi den U-Bahn-Sitz. Sie schreibt solide historische Romane. So solide, daß sogar ein Kritiker der Neuen Zürcher Zeitung sich begeisterte: "Ein flott geschriebenes, achtbares Stück seiner Gattung." Die Leser nehmen's einfacher: Sie kaufen und genießen - bisher rund 1,4 Millionen Exemplare.

Begonnen hat der Kinkel-Boom vor acht Jahren. Mit eben jenem Byron-Band, der Schwester Augustas Nachruhm sichern sollte. Normaler- und dankenswerterweise verschwinden ja die meisten Manuskripte schreibender Frühvollendeter in den Schubladen. Tanja Kinkels Erstling aber wurde sofort von einem großen Verlag angenommen und fand unter dem Sentimentaltitel "Wahnsinn, der das Herz zerreißt" fast 40 000 Käufer.

Zufallstreffer, dachte die skeptische Branche. Aber dann setzte sich die mittlerweile Zwanzigjährige hin und schrieb einen zweiten Schmöker, "Die Löwin von Aquitanien" - der Gesang einer modernen Troubadoura über Eleonore, die Frau des englischen Königs Heinrich II., Mutter von König Löwenherz und eine der schönsten, klügsten und machthungrigsten Frauen ihrer Zeit. Erneut kauften Zehntausende den Historienschinken. Und plötzlich wurde das Jungtalent als Wunderkind gefeiert.

Erst hielt sie brav still - die Situation war neu. Dann fauchte sie los: "Ich bin weder Wunder noch Kind!" Vor allem war und ist sie eine besessene Arbeiterin. Wunder kommen von oben - aus Talent aber muß man erst etwas machen. Aber wie verklickert man das den Leuten, die vom Genie in der Wiege schwärmen wollen? Am besten wartet man einfach ab. In den nächsten Jahren schrieb sie fünf Romane, alles dicke, historische Schmöker. Nach Byron und Eleonore einen über die Fugger ("Die Puppenspieler"), einen über das Ende der Maurenherrschaft in Andalusien ("Mondlaub") und einen über Kardinal Richelieu ("Die Schatten von La Rochelle"). Wie sagte der ältere Herr während der Buchmesse in Frankfurt? "Respekt!" Verbeugte sich und ging weiter. Die Kinkel, jetzt 27 Jahre alt, saß am Verlagsstand und war ein bißchen verlegen. Aber nur ein bißchen. Wenn einer so etwas sagt, nimmt sie das hin wie eine, die findet, daß sie diesen Respekt verdient.

Tanja Kinkel ist eine eigenartig mädchenhafte Frau - schlank, hoch gewachsen, mit großen graublauen Augen. Wenn sie nur nicht so nervös mit den Lidern klimpern würde! Der Blick kommt leicht von unten, fast verdeckt von den schwarzen geraden Brauen. Ab und zu legt sie die Fingerspitzen aneinander, sagt dann druckreife, schrecklich altkluge Sätze. Und manchmal ist sie so schüchtern, daß sie fast hölzern wirkt. Nur nicht, wenn sie über ihre Arbeit redet. Über die Welt der Imagination, in der sie lebt, viele Jahrhunderte entfernt von unserer Zeit - "Geschichte ist einfach meine Passion".