Waren das noch Zeiten! Als Tonträger aus dickem, schwarzen Vinyl geschnitzt und mit edler Hüllengraphik verziert wurden. Als Musikfans mit roten Ohren und erhitzten Wangen einem neuen Lebenszeichen von den Beatles oder den Rolling Stones entgegenfieberten. Als über einem Produkt aus der Manufaktur Frank Zappa & Co. monatelang gebrütet wurde, um nur ja keine subversive Botschaft zu übersehen. Schallplatten waren Weggefährten, Lebensbegleiter, Lotsen im Irrgarten juveniler Tollheit. Und die Vorfreude auf ästhetische Erweckungserlebnisse war meist noch schöner als schließlich die tatsächliche Begegnung mit dem lang erwarteten, sehnsüchtig begehrten Objekt.

Und heute? Keine Freude, keine Sehnsuchtsspielräume bis zu dem Datum, an dem endlich es erscheint, jenes Schallplatte gewordene Ding an sich, das dem Leben Sinn und Ordnung geben soll.

Denn es kommt inzwischen alltäglich über uns. Als kleines Silberscheibchen namens CD macht es sich in großer Zahl auf, unsere Hörräume zu verstopfen und zu kontaminieren.

Mag sein, daß sich die Musiker gedacht haben: Die CD ist so klein, da müssen gleich mehr davon ins Päckchen rein. Doch dabei übersahen sie, daß das Ding über eine enorme Speicherkapazität verfügt: An die achtzig Minuten kann man da draufquetschen. Rund doppelt soviel Musik, wie auf einer traditionellen Schallplatte Platz findet. Das verführt zu Kontrollverlust und ungebremstem Expansionismus: Es muß gefüllt werden, und wenn die Kreativität nicht reicht, dann behelfen sich die Musiker eben mit schlechten Stücken, mit Ausschußware und Füllmaterial.

Früher galt das Doppelalbum als Maximum der Verausgabung, heute debütiert schon manche Nachwuchsband mit achtzig bis hundert Minuten aus der eigenen Liederwerkstatt. Und raubt Hörern und Rezensenten kostbare Lebenszeit.

Selbst etablierte und bislang einigermaßen disziplinierte Künstler erliegen dem Hang zur Hybris: Prince, Verzeihung, der Mann, der früher als Prince bekannt war, meldet sich nach einigen Jahren der Irrungen und Wirrungen im Karrierelabyrinth mit der Tripel-CD "Emancipation" zurück, das prätentiöse britische Dancefloorlabel Mo Wax präsentiert seine aktuelle Werkschau "Headz 2" auf sechs CDs oder, für konservative Genießer, auf acht LPs, und das gesamte posthume Werk Frank Zappas füllt bereits Regale.