Es gibt die lauten Leiden und die leisen. Jenen kommen Furcht und Respekt und Forschungsmittel zu, diesen meist nur ein Achselzucken. Das wohl verbreitetste aller leisen Leiden sind Kopfschmerzen. Vielleicht zahlt die Menschheit mit ihnen den Preis für ihr hyperkomplexes Gehirn und für die mit seiner Hilfe bewirkte Entfernung von den Lebensbedingungen, für die es einmal konzipiert war.

Nahezu jeder hat irgendwann im Leben Kopfschmerzen, und so hält sich auch jeder für einen Kenner. Aber weil die Bekanntschaft der meisten sich auf die leichteren, ordinären Formen beschränkt - den Kopfschmerz als Begleiterscheinung einer Erkältung oder eines Katers -, werden auch die schwereren und dauerhafteren Formen nicht so recht ernst genommen, eine Migräne zum Beispiel oder auch ein starker und anhaltender Spannungskopfschmerz. Gerne meint man, bei den Betroffenen handele es sich um Hypochonder, die eben so etwas wie einen Kater hätten und jedenfalls gewaltig übertrieben, wenn sie nicht überhaupt ganz simulierten. So haben Migräniker oft zum Schmerz auch noch den Spott.

Dabei hat eine britische Studie 1994 ergeben, wie lebenszersetzend Migräne ist: Im Vergleich mit anderen Dauerkranken, die an einem Diabetes, einer Arthritis oder einer endogenen Depression litten, erwiesen sich Migräniker als rundum - körperlich, seelisch, sozial - stärker beeinträchtigt; nur der seelische Zustand der Depressionskranken war noch schlechter.

Die Geringachtung der Kopfschmerzen kommt auch darin zum Ausdruck, daß es in der Medizin bis vor wenigen Jahren keine allgemein anerkannten Kriterien für ihre Klassifizierung gab. Was für einen Mediziner ein Cluster-Kopfschmerz war, bezeichnete der andere als Histaminkopfschmerz oder Erythroprosopalgie; wieder ein anderer diagnostizierte ihn als Migräne. Manche hielten (und halten bis heute) alle Kopfschmerzen pathophysiologisch überhaupt für eine einzige Störung, nur in verschiedener Ausprägung, mit der Folge, daß bei allen die gleiche Therapie angezeigt wäre - was wiederum dazu führte, der jeweiligen Form unangemessene Therapien einzusetzen und die Erfolgsquote weiter zu drücken. So griff in der Ärzteschaft therapeutischer Nihilismus um sich. Wogegen man von vornherein nicht viel tun zu können glaubt, damit befaßt man sich lieber gar nicht erst lange.

Seit 1988 ist das anders, vielmehr: könnte es anders sein. Damals legte die International Headache Society (IHS) einheitliche und, gemessen an den früheren, relativ scharfe diagnostische Kriterien vor, die der bis dato herrschenden weltweiten Wirrnis ein Ende machten. Der Schritt war keine bloße innermedizinische Scholastik. Erstmals wurde es damals möglich, vergleichbare Zahlen über das Vorkommen einzelner Kopfschmerzformen zu erheben und damit das wirkliche Ausmaß der Misere zu erfassen. Gleich 1988 machte sich eine dänische Forschergruppe um Birthe Rasmussen ans Werk. Eine repräsentative Stichprobe der dänischen Bevölkerung wurde befragt und untersucht, seit Anfang der neunziger Jahre erscheinen die Ergebnisse. Dies ist das Bild: 84 Prozent der dänischen Bevölkerung haben irgendwann im Leben Migräne oder Spannungskopfschmerz oder beides; beide zusammen sind die mit großem Abstand häufigsten Kopfschmerztypen. 15 Prozent der Bevölkerung sind Migräniker, und bei 6 Prozent geht dem Migräneschmerz jenes sonderbare visuelle Vorläuferphänomen der "Aura" voraus. Unter Spannungskopfschmerz leiden irgendwann im Leben 69 Prozent der dänischen Bevölkerung; bei 3 Prozent ist er chronisch.

Hartmut Göbel von der Neurologischen Klinik der Universität Kiel hat inzwischen auch für Deutschland eine erste große epidemiologische Untersuchung an einem repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt vorgelegt. Seine Zahlen, denen die IHS-Kriterien zugrunde liegen, sehen so aus: 71,4 Prozent der Bevölkerung haben irgendwann im Leben irgendwelche Kopfschmerzen. 27,5 Prozent leiden unter Migräne (32 Prozent der Frauen, 22 Prozent der Männer), 38,3 Prozent quälen sich mit Spannungskopfschmerz, und 5,6 Prozent plagen Kopfschmerzen anderer Art. Migräniker verlieren rund 34 Arbeitstage im Jahr, Spannungskopfschmerzkranke 35. Göbel selber rechnete aus, daß etwa 54 Millionen Deutsche zumindest zeitweise unter Kopfschmerzen leiden, und folgerte in der so lakonischen wie vielsagenden Art seiner Profession: "Migräne und Spannungskopfschmerz stellen in der Gegenwart mithin ein erhebliches Gesundheitsproblem dar."