Vor einigen Jahren, als in Moskau die Mittel selbst für die Betreuung des einbalsamierten Staatsgründers Lenin zu knapp wurden, machte sich ein französischer Unternehmer erbötig, den großen Untoten zu übernehmen. Er gedenke den wächsernen Gesellen, so versprach er, aus der Einzelhaft im Mausoleum an der Kremlmauer zu befreien und unters Volk zu bringen. Eine von ihm organisierte Tournee könne den Genossen Wladimir Iljitsch durch ganz Europa, sogar nach Amerika führen. Leider kam es nicht zu dieser Schaustellung, es fanden sich wieder Mittel, und Lenin ruht weiter in Moskau: gelb, wächsern und fürs erste unsterblich.

Eine vergleichbare Zombie-Show tourt neuerdings durch die Lichtspielhäuser: Luftdicht in einen Schneewittchensarg gepackt, reist Madonna, wiedergeborene Evita Duarte Perón, gelb und wächsern durch die ganze Welt. Die bislang vor allem als Krampfhenne aufgefallene Laienschauspielerin verströmt bleich und tot mehr Leben als je zuvor, und vielleicht wird "Evita" ja ein Kultfilm beim jährlichen Treffen der Bestattungsunternehmer. Fürs branchenferne Publikum ist Madonna als Evita als Film schon jetzt der schlechteste des Jahres 1997. Dabei wird an Anmut und Würde für die Anspruchsvolle Gala-Leserin keineswegs gespart: Madonna kann unterwegs immer wieder neue Kleider anziehen, neuen Schmuck tragen und noch neuere Frisuren, und traurig geht die Geschichte sowieso aus.

Wenn Madonna singt, hilft die Technik gnädig nach, und damit es auch jeder merkt, wie ergreifend sie ihre Hymne "Don't cry for me, Argentina" vorträgt, müssen die Zuhörer in der ersten Reihe Volksmenge demütig die Kappe abnehmen und ergriffen nach oben schauen zu ihrer Königin. Als sie stirbt, tastet die Kamera lauter Gesichter aus dem Volk ab, zeigt, wie sie sich auf Befehl des Regieassistenten verzerren und verfälteln im gespielten Schmerz. Mit diesem Schmerz in Gesicht und Herz müssen Johannes R. Becher und Stephan Hermlin ihre legendären Stalin-Hymnen geschrieben haben.

Ein Mysterium bleibt freilich und vielleicht sogar eine politische Botschaft: Juan Perón (schafsgeduldig gesungen von Jonathan Pryce) sammelt Proselyten ausgerechnet in einer Großmetzgerei, wo die Rinderhälften besonders dekorativ herumhängen. Noch zweimal kommen die Rinderhälften rot und roh ins Bild. Was wollen uns Regisseur Alan Parker und Musicalist Andrew Lloyd Webber damit sagen? Daß Perón ein blutiger Schlächter war? (War er nicht.) Daß sich die dümmsten Kälber ihren Schlächter selber wählen? (Kann sein.) Oder daß McDonald's zu viele Rinder verbrät? Stoff vielleicht für ein neues Musical: "Don't cry for me, Fleischpflanzerl aller Länder".