So direkt und leibhaftig hat dem Bundeskanzler noch keiner demonstriert, daß Gesundbeten nicht hilft. Kaum hatte Helmut Kohl als erster westlicher Besucher des vor zwei Monaten operierten Boris Jelzin verheißen, mit Moskau werde sich im Streit um die Nato-Erweiterung eine Lösung der Vernunft finden, da erteilte der Kremlchef seinem Außenminister Primakow den Ukas, ein Aktionsprogramm gegen die Ausdehnung der Allianz zu entwickeln. Und kaum hatte Jelzin den Auftrag erteilt, da war es wieder vorbei mit seiner vom Kanzler gerade gelobten "Präsenz". Der Präsident mußte wegen "Fiebers" schon wieder alle Termine absagen.

Bekräftigt wurde in Moskau nur eines: Mit Jelzin ist kein Staat mehr zu machen. Und ohne Jelzin ist für die auf ihn fixierten westlichen Politiker kein Land mehr in Sicht. Die nächsten Termine im Kreml für Präsident Chirac und Nato-Generalsekretär Solana drohen ins Wasser zu fallen. Und der Anschlußzug nach Madrid, wo beim Nato-Gipfel im Juli zumindest Polen, die Tschechische Republik und Ungarn eingeladen werden sollen, dem Bündnis beizutreten, wird unter diesen Umständen womöglich ohne das mit Moskau zu schnürende Kompromißpaket abfahren.

Von der Nato-Erweiterung selbst - so unglücklich da auch von Anfang an die europäische Zukunft mit den Blaupausen des Kalten Krieges geplant wurde - gehen fürs erste noch die geringsten Risiken aus. Rußlands Militär ist zu schwach zur Gegenwehr (Jelzin hat mit dem Konter-Programm bezeichnenderweise nicht den Verteidigungsminister beauftragt). Und die Wirtschaft kann ihre Rohstoffexporte, die Elite wird ihre Auslandskonten nicht aufs Spiel setzen. Die eigentlichen Gefahren, die von Rußlands Zuständen ausgehen, sind schwerer zu orten. Denn auf den ersten Blick durch das rosa Raster westlicher Staatsmänner scheint 1996 auch ohne Boris Jelzin fast alles für ihn gelaufen zu sein.

Er ist in freien, wenn auch unfairen Wahlen bestätigt worden. Die Kommunisten scheinen von der Bildfläche verschwunden. Die Kriegspartei um Verteidigungsminister Gratschow wurde gefeuert. Die letzten Soldaten sind gerade aus Tschetschenien abgezogen. Die Hyperinflation, die alle Ersparnisse fraß und die neuen Banken nährte, ist fast vergessen. Am Eurobondmarkt hat Rußlands erste Anleihe seit der Zarenzeit mit einer Milliarde Dollar soeben doppelt soviel erbracht wie erwartet. Millionen Talente mit Unternehmergeist fühlen sich vom Kapitalismus beflügelt.

Die Mehrheit der Menschen aber lebt nur noch von Rußlands Substanz. Die Reichen verscherbeln sie, die Armen verzehren sie. "Die Bevölkerung stirbt", sagt Stanislaw Schatalin, unter Gorbatschow einst Mitautor des 500-Tage-Reformplans. Die Lebenserwartung der Männer sinkt so schnell wie nur in Kriegszeiten. Die letzten Leutchen in den bedenklich entvölkerten Landstrichen ebenso wie die zusammengepferchten Arbeiter in den bröckelnden Ballungsräumen ohne allen industriellen Strukturwandel oder Zehntausende obdachloser Offiziersfamilien - sie alle kennen keinen "Transformationsprozeß". Sie sehen nur, wie sich die Grundlagen ihrer bescheidenen Existenz auflösen: Krankenhäuser, Kanalisation, Schulen, Museen, Monatslohn, Rente, Polizeischutz. Für sie gilt, was John Huizinga über den Herbst des Mittelalters schrieb: "Das Volk kann sein eigenes Los und die Ereignisse . . . nicht anders fassen als eine unaufhörliche Abfolge von Mißwirtschaft und Aussaugung, Krieg und Räuberei."

Der Staat ist zum Selbstbedienungsladen für Banken und finanz-industrielle Korporationen geworden, die sich eine Handvoll ehemaliger Jungkommunisten früh aus dem sowjetischen Gesamtnachlaß zurechtgeschneidert hat. Insider-Privatisierungen, Steuervergünstigungen und Zollbefreiungen für die neuen Geschäftsimperien haben die öffentliche Hand geleert. Für die Bürger aber ist dieser ausgepreßte Staat nicht mehr funktionsfähig. Er kann keine rechtlichen und sozialen Sicherheiten bieten, keine Steuern mehr eintreiben. Anstatt zu regieren, werden Sonderkommissionen gebildet. Was ist das für eine Macht? Strukturell weist sie manche Züge des frühen Mittelalters auf, als die eigentliche Herrschaft über Land und Leute nicht vom König, vom Staat, sondern von feudalen Personenverbänden ausgeübt wurde.