Westberlins Gastronomie war und ist berühmt für ein als Prominententreff verkleidetes Bistro. Die "Paris Bar" wird, wie in Paris das "Lipp", von Touristen für ein Spitzenrestaurant gehalten, weil dort Society verkehrt. Im Vergleich zum "Borchardt" im ehemaligen Osten ein Absturz ins Bodenlose. Alles, was dort Freude macht, gleicht hier einer Aufführung von "Stadtneurotikers Saftladen". Ein In-Lokal, wo das Essen nicht registriert wird, weil alle zu den Nachbartischen schielen: Sitzt da nicht der Dingsbums?

Aber müssen deshalb die Weingläser von der billigsten Sorte sein, die Kellner so unbedarft? Darf es so nach Bratfett stinken, und hat der dauertelephonierende Geschäftsführer kein Büro? Offenbar spielt das alles keine Rolle, denn abends ist der Laden rappelvoll.

Die Cr&egraveme caramel war hausgemacht und lecker (8,50 DM), ebenfalls ein Kartoffelgratin. Aber das war's dann auch. Vakuumierte Gnocchi (behaupte ich jetzt mal. Vielleicht aber ist der Küchenchef noch unbegabter, als zu vermuten war, 26,- DM), eine Kartoffelsuppe (9,- DM), die genauso schmeckte, wie ich mir vorstelle, daß Tütensuppen schmecken, die Seezunge mit verbratenen Kräutern auf der Haut (48,- DM), der Seeteufel im Sumpf aus rotem Pfeffer (41,- DM), die braune Sauce zur zähen Lammhaxe wie ausgelaufener Nagellack (19,50 DM), das alles wird nicht durch den Knoblauch im Gratin aufgewogen. Die Austern sind hier dreißig Prozent teurer als bei "Borchardt" (und sowieso am besten an der Austernbar im KaDeWe), es gibt ausschließlich französische Weine, die, wenn sie rot sind, lauwarm serviert werden. Ein Stammgast, der mit mir zu Mittag aß, rang verzweifelt die Hände. Ich möge bitte bedenken, daß Köche und Kellner nicht zwölf Stunden arbeiten könnten, abends sei eben eine andere, bessere Mannschaft am Werk. Mag sein. (Kantstraße 152, Telephon: 313 80 52.)

"Four Seasons". Für den Mittagshunger in Berlin-Mitte bietet sich, beim "Borchardt" um die Ecke, das Hotel "Four Seasons" an. Es ist zur Zeit das neueste Hotel und ganz zweifellos das luxuriöseste, mit klassischem Seide-Kristall-und-Mahagoni-Prunk. Den Preisen merkt man den Luxus nicht an, da sie hier in der Anfangsphase christlich-bescheiden kalkulieren. Also ein Mittagsmenü für 38,- DM, und das bei erstklassigem Personal und einem nicht einmal in dieser Hotelkategorie üblichen Aufwand: Hier werden die Schuhe noch geputzt! Ich meine, wo die Betten mindestens so gut sind wie bei mir zu Hause und das Badezimmer besser, da läßt es sich leben.

Für die 38,- DM konnte man eine feine Tafelspitzsülze essen, einen dicken, perfekt gegarten Saibling ˆ la grénobloise (mit Zitrone und Kapern) und Bratapfel wie bei Oma. Oder eine Zwiebeltorte, Cassoulet (weiße Bohnen mit Schweinsfuß, Entenkeule und superzartem Lammkotelett) in einer Leichtversion, das heißt fettarm, sowie eingebackene Pflaumen. Wein dazu glasweise. War alles gut, nur der Bröselpanzer der Pflaumen war etwas dick, und im Cassoulet mag ich gern Pfeffer. Abends werden weiße Tischtücher aufgedeckt und Kerzen angezündet. Da ist dann die Auswahl größer, aber kaum teurer. Den trockenen Hasenrücken erwähne ich daher nur routinemäßig, er war wohl eingefroren gewesen. (Charlottenstraße 49, Telephon: 203 38; Fax: 20 33 61 19.)

"Maxwell" war früher im Westen. Jetzt, in der Mitte, ist das Restaurant so etwas wie ein Symbol für den Aufschwung Ost. Da ist zunächst seine Lage in einem schön restaurierten Hof, eine dieser versteckten Oasen künftiger Stadtkultur. Piekfeine Kunstgalerien rechts und links und am Ende, hinter einer frisch gebürsteten neogotischen Fassade, das "Maxwell": cooles Gastronomie-Design, ziemlich schmucklos, aber nicht ungemütlich. Die Gäste sitzen parterre oder auf dem Mezzanin, Polsterbänke an den Wänden, Holzfußboden, Halogen. Speisekarten und Rechnungen auf hellgrauem Papier sind dem Ambiente angepaßt, Corporate identity auf neudeutsch. Altdeutsch hingegen die Preise. Das teuerste Menü besteht aus fünf Gängen und kostet 87,- DM, die Einzelgerichte zwischen 15,- DM (Wachtel auf Linsen und Salat), 17,50 DM (Buttermilch-Estragonmousse mit Lachs und Seeteufel), 19,- DM (Curryflan mit Rotbarbe und Koriandersauce) und 30,- DM (Dorade Royal auf weißer Pfeffersauce mit Basilikumpüree und Lauchzwiebeln).