Von Zeit zu Zeit les' ich den Alten gern. Jetzt zum Beispiel, fünfzig Jahre nach Erscheinen des ersten Heftes am 4. Januar 1947, für das der 23jährige schon mitverantwortlich war. Bundespräsident Herzog dürfe in seiner Kritik weitergehen als der Vorgänger, weil er "angenehm" sei, hatte die FAZ geschrieben. Eine recht skandalöse Begründung, schlug Rudolf Augstein zurück. Derlei kann er einfach nicht stehenlassen.

Rudolf Augstein, 73, blickt zögernd nach vorn, und er blickt im Gespräch zurück - nein, nicht als erfolgreich Gescheiterter, wie es einmal von ihm hieß, und ohne triumphierenden Tonfall. Auf den Tischen, zu Hause in Hamburg, stapeln sich Bücher. Er ist ein Schreiber geworden, weil er ein enthusiastischer Leser ist. Er verschlingt die Worte, solang die Augen noch mitmachen. Das Augenlicht macht ihm Sorgen.

Rudolf Augstein: "Ich wollte doch nicht reich werden; ich wollte das schreiben, was ich selber auch lesen wollte. Eigentlich hätte ich gerne die ZEIT gemacht. Wie kriegt man eine solche Position? In erster Linie - Glück. Und dann einfach der Lebensweg."

Studiert hat er nicht, die Zeiten waren nicht danach. Er war im Arbeitsdienst und auch Soldat. Alte Kriegswunden plagen ihn heute wieder. Bei aller Kritik, schrieb Hans-Magnus Enzensberger 1956, als der Spiegel kaum zehn Jahre alt war, das Blatt sei unentbehrlich, solange es kein kritisches Organ gebe, das es ersetzen könne. Das aber gibt es bis heute nicht. Dafür gibt es Focus als marktgerechte Erfolgsgeschichte, die, journalistisch ungleich schlichter gestrickt, ohne wirklich grundkritischen Impuls auskommt. Und es gibt den stern, dessen Ruf fast ruiniert ist.

"Henri, alter Freund, unsere Zeit als Blattmacher ist vorbei", rief Augstein im vergangenen November bei der Trauerfeier Henri Nannen, dem stern-Gründer, nach und sang, Agnostiker, der er ist, die Kirchenlieder lauthals mit. In Wahrheit, sagt er, bin ich alt, zu alt. Aber, fügt er im gleichen Atemzug hinzu, ich muß mich damit abfinden, daß ich trotzdem noch gebraucht werde.

Sein Erbe, das Vermächtnis, der Spiegel also und das, wofür er steht, das alles ist nicht wirklich geregelt. Es wird auch auf bestimmte Art tabuisiert. Augstein wirkt so, als hole ihn dieser Gedanke mit ganz neuer Wucht ein. Was bleibt, was kommt? Der Spiegel hat Zukunft, sagt er. Die ZEIT? Aber sicher. Bloß, welcher Spiegel? Zu Protokoll gibt Augstein: Der Chefredakteur, Aust, vor zwei Jahren angedockt gegen breiten Widerstand der Redaktion, sei "unangefochten". Damit das mal klar ist. Niemand wolle ihn weghaben.