Das jüngste Geschöpf der Informationsrevolution heißt digitales Fernsehen. Noch steht das Kind auf wackeligen Beinen; es bedarf intensiver, kostspieliger Pflege. So haben seine Ziehväter, ob sie nun Leo Kirch oder Rupert Murdoch heißen, vorerst wenig Freude an ihrem Sprößling. Aber das dürfte sich bald ändern. Denn unbestreitbar sind vielversprechende Anlagen vorhanden. Vor allem: Sport wird das digitale Potential voll zur Entfaltung bringen.

Rund um den Erdball dürsten Milliarden von Menschen nach Fernsehsport. Zuallererst verlangen sie nach Fußball. In Nordamerika und Australien mögen sie zwar mehr den nationalen Varianten dieses Ballsports huldigen als dem britisch-europäischen Original. Die Leidenschaft aber ist die gleiche. Darum hat sich Fußball mit Hilfe des Fernsehens längst zum Big Business gemausert. Spitzenvereine in Europa blättern für Ablösesummen wie Gehälter astronomische Summen hin. Dennoch treibt Präsidenten und Manager von Bayern München über Manchester United bis zu Juventus Turin ein quälender Gedanke um: Sie haben die finanziellen Möglichkeiten ihrer Clubs noch längst nicht richtig ausgeschöpft - trotz der Preisexplosion bei den Fernsehverwertungsrechten. Ihr Traum von milliardenschweren Gewinnen kann allerdings nur in Erfüllung gehen, wenn dem digitalen Fernsehen der Durchbruch gelingt.

Zwischen Fußball und digitalem Fernsehen beginnt sich folglich ein symbiotisches Verhältnis herauszubilden. Beide brauchen einander, beide können ohne den anderen nicht blühen und gedeihen. Projekte wie Kirchs DF1 in Deutschland, Murdochs American Sky, das dieses Jahr ebenso starten soll wie BSkyB-Digital in Großbritannien, werden nur Erfolg haben, wenn sich genügend Zuschauer den digitalen Decoder zulegen. Das Publikum wird aber nur zugreifen, wenn die digitalen Kanäle Exklusives zu bieten haben, das sie auf Free TV nicht bekommen, nämlich Live-Sport. Fußballvereine ihrerseits brauchen das digitale Fernsehen, weil es Dutzender von Kanälen bedarf, um Liga- und Pokalspiele live auszustrahlen, zeitlich versetzt, regional begrenzt und über die ganze Woche verteilt.

Die Aussicht, daß Fußball in Europa durch Pay-per-view-Fernsehen im großen Stil vermarktet wird, hat bereits eine wahre Goldrauschstimmung ausgelöst. Wo Fußballvereine schon als Aktiengesellschaften existieren, schnellte der Kurs ihrer Aktien dramatisch nach oben. Der Wert des englischen Meisters Manchester United verdreifachte sich binnen sechs Monaten. An der Börse blühen Übernahmegerüchte. Medienkonzerne überlegen, ob sie sich einen Fußballverein zulegen sollen. In Frankreich darf sich die Fernsehgesellschaft Canal Plus glücklich schätzen, den Meisterclub Paris Saint-Germain zu besitzen. Und Berlusconi weiß schon lange, was er an seinem AC Milano hat. Gerade erst verwarf freilich Granada TV in England den Plan, ein Übernahmeangebot für Manchester United zu formulieren. Der geforderte Preis war denn doch zu hoch. Planspiele, einen Club zu erwerben, entspringen dabei nicht allein dem Wunsch, in höchst profitable Anlagen zu investieren. Die Protagonisten haben schlicht Angst, beim digitalen Monopoly abgehängt zu werden. Sicher ist: Durch digitales Pay-per-view-Fernsehen werden Milliarden zu machen sein. Offen aber bleibt, in wessen Taschen die Milliarden fließen. Der Wert von Fußball und anderen populären Sportarten basiert nämlich auf den Rechten. Die aber besitzen die Vereine. Sie müssen ihre kostbare Ware ja nicht unbedingt an Medienkonzerne verkaufen. Sie könnten versuchen, sie selber zu vermarkten. Diese Vorstellung treibt manchen Medienmanagern den Angstschweiß auf die Stirn.

Wenn einmal die Geschichte des Sports im 20. Jahrhundert geschrieben wird, dürfte 1996 als das Wendejahr gelten, in dem das "Dritte Zeitalter" anbrach. Zuerst war da die Ära vor dem Fernsehen. Wer Sport erleben wollte, mußte hingehen. Oder sich mit dem Radio begnügen, dessen Reporter mit Hingabe und Wortgewalt die fehlenden Bilder vergessen machten. In den fünfziger Jahren begann die zweite Ära - das Fernsehen wurde zum Massenmedium; öffentlich-rechtliche Sender nutzten ihre Monopolstellung ziemlich schamlos aus; sie kauften den Lieblingssport der Massen zu Billigstpreisen auf. Die Zuschauer brauchten für Fußball nichts zu zahlen, sieht man von den Gebühren ab. Bedeutende Spiele gerieten zu grandiosen Kollektiverlebnissen. Später brach das öffentlich-rechtliche Monopol zusammen; eine Flut neuer, kommerzieller Free-TV-Kanäle entstand. Sport wurde zum knappen, begehrten Rohstoff. Rechte für Sportübertragungen entpuppten sich als wirkungsvollste Waffe im Kampf um nationale wie globale Mediendominanz.

Früher als jeder andere hat Rupert Murdoch die überragende Bedeutung des Sports erkannt. Wo immer er eine Chance sah, schlug er zu; er scheute keine Kosten, wenn es galt, anderen die saftigsten Brocken wegzuschnappen. Er hat den Fernsehsport konsequent als "Rammbock" eingesetzt, um die Konkurrenz wegzudrücken. Fußball "übertrumpft alles andere in der Unterhaltungsbranche, auch Filme", erklärte Murdoch kürzlich in Sydney vor der Jahreshauptversammlung seiner News Corporation. "Schauen Sie sich an, was wir damit in Großbritannien bewerkstelligt haben." Aus Murdoch spricht das Selbstbewußtsein eines Mannes, den die Entwicklung bestätigt hat. Er hat rechtzeitig die Faszination der Massen für Sport und Spiele erkannt; er ging große finanzielle Risiken ein, um sein globales Imperium durch den Kauf von Übertragungsrechten auszubauen. In den USA stach sein Fox TV das etablierte Network CBS aus und sicherte sich für 2,4 Milliarden Mark die National Football League. Sein britisches Satellitenfernsehen BSkyB mauserte sich zum Sportmonopolisten. Wer die stargespickte Premier League live erleben will, muß BSkyB abonnieren. Dafür blättert Murdoch der Liga von 1997 an pro Saison weit über 400 Millionen Mark hin.