Ein kahler Raum, zwei Blumentöpfe aus Ton, fünf wackelige Schreibtische, am Boden ein paar Kabel, befestigt mit Klebeband, in der Ecke ein Stapel Kartons mit Regalbauteilen. So sieht der Ort aus, den Kenias Regierung mehr scheut als militanten Massenprotest. Denn hier, in der zweiten Etage des Union-Towers-Gebäudes im Zentrum von Nairobi, geschehen Dinge, die sie weder kontrollieren noch niederschlagen kann.

Wir befinden uns im Büro von Africa Online , der Keimzelle des Internet in Kenia. "Moi will das nicht", sagt ein Mitarbeiter des Unternehmens. Daniel arap Moi ist der Präsident des Landes, ein Autokrat, der nach dem abgewandelten Motto des Sonnenkönigs herrscht: "L'état c'est MOI." Unlängst ließ er seinen Bürokraten - einige sollen mit dem elektronischen Teufelszeug namens Internet liebäugeln - eine schriftliche Warnung zukommen: "Seek clearance! Kein Anschluß ohne Genehmigung." Wo käme man hin, wenn die Propaganda der Staatsfeinde die Gedanken der Staatsdiener via Computer vergiften würde?

Aber draußen im richtigen Leben ist es schon zu spät, den Umtrieben zu wehren. Der Lift hinauf in den zweiten Stock der Union Towers steht nicht mehr still. Gerade sitzen zwei staunende Jungunternehmer vor dem PC und lassen sich ins globale Netz entführen. "Unser Zuwachs beträgt ungefähr zehn Prozent pro Monat, hauptsächlich Geschäftsleute", sagt Anne Banks, die Kundenberaterin. Und fügt hinzu, als wolle sie den Argwohn der Mächtigen dämpfen: "Aber wir sollten das Internet nicht überschätzen." Erst zum Abschied, als wir schon beinahe im Aufzug stehen, sagt sie: "Das Internet kann einen großen Beitrag zur Demokratisierung leisten."

Demokratisierung per Internet - Präsident Moi und seine Kollegen Diktatoren, von denen es in Afrika viele gibt, hören es mit Graus. Diese Entwicklung läßt sich mit den altbewährten Machtinstrumenten nicht mehr abwürgen. Fast dürfen sie sich glücklich schätzen, daß die Telekommunikation in ihren Ländern noch mit so vielen Hindernissen verbunden ist. Auf hundert Afrikaner kommt bislang nur ein Fernsprechanschluß, in den USA beträgt das Verhältnis zwei zu eins. Allein im New Yorker Stadtteil Manhattan soll es mehr Telephonleitungen als in ganz Schwarzafrika geben.

Der Mangel macht den Erdteil andererseits zu einem begehrenswerten Markt, dessen zukünftiges Jahresvolumen auf fünfzehn bis achtzehn Milliarden Mark geschätzt wird. Der amerikanische Telephonriese AT&T plant, ein 32 000 Kilometer langes Glasfaserkabel unter Wasser um den Kontinent zu legen, um Afrika zu vernetzen. Ab Mitte 1998 soll der Nachrichtensatellit Intelsat 805 über dem Victoriasee schweben und die abgelegensten Landstriche zwischen Kap und Kairo aus dem Funkschatten holen.

Die Experten der Weltbank sagen eine "Informationsrevolution" voraus, die das krisengeplagte Afrika endlich aus dem Niedergang retten könne und "dramatische Möglichkeiten für den Sprung in die Zukunft" biete. Gleichzeitig werden Stimmen von Skeptikern laut: Die Datenautobahn sei eine Einbahnstraße, auf der die Entwicklungsländer wie bei allen Transfers zwischen Nord und Süd mit eigennützigen, ja schädlichen Informationen aus den Industrieländern überrollt würden. Die mächtige südafrikanische Dachgewerkschaft Cosatu sieht gar einen "Techno-Imperialismus" heraufdämmern.