Zwei Innovationen haben die Fernsehgewohnheiten gründlich verdorben: die Etablierung einer Unzahl von Kanälen und die Erfindung der Fernbedienung. In einer Art fatalem Synergismus verführen sie dazu, Längen auf einem Programm durch schnelles Umschalten auf einen anderen Sender zu überbrücken. Meist resultiert aus diesem Hin- und Herschalten ein chaotischer Programmbrei. In gar nicht so seltenen Fällen jedoch entsteht dabei eine ganz neue "Sendung", deren Aussage die der Einzelprogramme bei weitem übersteigt. Ein solcher Glücksmoment war kürzlich zu erleben.

Auf Sat.1 lief der erste Teil der "Spiegel TV"-Reportage "Am Anfang war der Affe". Sie zeigte den Menschen bei der Erforschung seiner evolutionären Herkunft: wie er sich unter der sengenden Sonne Afrikas bückt und schwitzend nach fossilen Fragmenten seiner Vorfahren gräbt, also buchstäblich Knochenarbeit verrichtet. Beim Anblick dieser Bilder wurde klar: Da ist ein Lebewesen auf der Suche nach Spuren seiner selbst, und es ist das einzige Lebewesen, das dazu fähig ist - etwas seltsam Anrührendes und Würdiges ging von diesen Szenen aus.

Im WDR-Fernsehen lief dagegen die Sendung "Mensch und Tier". Sie zeigte Menschen, die Tiere bis aufs Blut, bis in den Tod quälten und meist auch noch ihren Spaß dabei hatten. Der Mensch als vergnügungssüchtiger Sadist, bestialischer als jede Bestie.

Jede Sendung für sich genommen war bereits durchaus sehenswert.

Aus einem raschen Wechsel zwischen beiden Programmen entstand jedoch ein weitaus widersprüchlicheres und gerade deshalb authentischeres Bild des Homo sapiens, als es die Einzelsendungen je hatten zeichnen wollen. Hier die These vom tatsächlich "weisen", reflektierenden Menschen, dessen Tun von seinem Verstand bestimmt wird. Dort die Antithese vom durch niederste Instinkte gesteuerten Unmenschen, dessen Treiben animalisch zu nennen noch untertrieben wäre. Was für ein Kontrastprogramm! Die Synthese daraus, auf keinem Kanal zu sehen, doch durch simples channel hopping leicht zu generieren: der Mensch, wie er wirklich ist, halb Philosoph, halb Untier, mit einem Bein im Himmel, mit dem anderen in der Hölle (aber nirgendwo so ganz zu Hause).

Massiv beeindruckt vom Ergebnis seiner raschen Programmwechsel, drängten sich dem Zuschauer einige Fragen auf. Hat er nicht gerade durch hochfrequentes Hin- und Herschalten aus einzelnen Sendungskomponenten sein eigenes, individuelles Programm "synthetisiert", vielleicht sogar eine Abkürzung zum interaktiven Fernsehen entdeckt? Bietet vielleicht eine geschickte Kombination der vielen Programmangebote ein wesentlich besseres Abbild der Wirklichkeit als jede brave lineare Programmabfolge?

Aber warum denn dann auf glückliche Zufälle hoffen, warum nicht gleich den Wahnsinn zur Methode machen? Soll heißen: Könnten die Programmplaner zukünftig nicht auf fruchtbare Koinzidenzen Rücksicht nehmen und des öfteren Programme ausstrahlen, zwischen denen hin- und herzuspringen sich lohnen würde?

Im statistischen Mittel wechselt der deutsche Durchschnittszuschauer alle 13,2 Minuten das Programm. Oberflächlich betrachtet, schmeichelt das weder dem Zuschauer noch dem Programmangebot. Wenn aber die besten Sendungen "zwischen den Programmen" stehen und sich das Fernsehangebot deshalb am besten wie ein quervernetzter hypertext "lesen" läßt, dann könnten 13,2 Minuten Verweildauer am Ende sogar eher viel zu lang als zu kurz sein.