Immer wieder versuchen Politiker, mit dem Thema Ausländer die Lufthoheit über den Stammtischen zu gewinnen. Die CSU hat dort sicher nicht die Alleinherrschaft, aber doch eine klare Hegemonie.

Den neuesten Beleg dafür steuerte Landesgruppenchef Michael Glos bei mit seinem Vorschlag, über Nicht-EU-Ausländer für fünf Jahre eine Arbeitssperre zu verhängen. Der Proteststurm dagegen war so einhellig wie richtig: Man dürfe die Ausländer nicht zu Sündenböcken für die Misere auf dem deutschen Arbeitsmarkt machen und außerdem überhaupt nicht mit diesem Thema zündeln. Die liberalen Verteidiger der Toleranz haben in ihrer Argumentation allerdings ebenso wie die bayerischen Populisten ein großes Manko. Sie weichen der heiklen Frage aus: Nehmen die Ausländer uns denn tatsächlich die Arbeit weg?

Die Zahlen sind verführerisch: In Deutschland fehlen einerseits mindestens 6 Millionen Arbeitsplätze. Andererseits gibt es 7,2 Millionen Ausländer, drei Viertel davon aus Ländern außerhalb der EU. Kein Politiker, auch nicht von der CSU, hat bisher behauptet, das zweite Phänomen sei Ursache des ersten. Aber Politiker wie Glos insinuieren, daß es eben doch irgendeinen Zusammenhang gibt.

Das erscheint auch deshalb plausibel, weil der Arbeitsmarkt gemeinhin so betrachtet wird, als herrsche dort ein Nullsummenspiel: als gäbe es nur eine bestimmte Menge Arbeit, die verteilt werden kann und "auszugehen" droht, wenn neue Nachfrager dazukommen - Frauen, Aussiedler, Ausländer. Wäre dem so, dann bliebe tatsächlich nur Rationierung als Ausweg: Arbeitszeitverkürzung, Vorruhestand oder Ausweisung von Ausländern, wie auch immer.

Daß dies nicht so ganz stimmen kann, erwies sich schon in den sechziger Jahren: Die erste Welle von Immigranten - damals Gastarbeiter genannt - brachte die Wirtschaft richtig auf Touren. Zuerst strömten die Kollegen aus dem Süden in Jobs, für die sich keine Deutschen mehr fanden, dann stärkten sie die Sozialkassen und bereicherten das Dienstleistungsangebot. Ohne Italiener, Griechen und Spanier wäre die deutsche Gastronomie wohl noch immer eine Ödnis. Insgesamt verdankten die Deutschen den Gastarbeitern damals eine ansehnliche Portion ihres Wohlstands und viele neue Arbeitsplätze.

Unbestreitbar bleibt indes, daß die Lage wegen der Massenarbeitslosigkeit heute ganz anders ist. Die meisten Immigranten haben eine geringe oder ungeeignete Qualifikation. Sie stoßen auf einen schrumpfenden Arbeitsmarkt, auf dem auch immer mehr gering qualifizierte Deutsche keine Arbeit mehr finden. Zwar füllen sie dabei gelegentlich noch Leerstellen aus: Trotz Massenarbeitslosigkeit sind die Obsternte am Bodensee und die Weinlese in der Pfalz ohne Saisonarbeiter aus Polen nicht vorstellbar. Das ändert jedoch nichts an dem Befund, daß ungelernte Einwanderer mit ungelernten Einheimischen um immer weniger Jobs konkurrieren, wobei sie oft selbst auf der Strecke bleiben. Die Arbeitslosigkeit unter Ausländern ist in den vergangenen drei Jahren dramatisch gestiegen und liegt heute mit neunzehn Prozent schon fast doppelt so hoch wie unter Deutschen. Hier wächst der Nährboden für eine soziale Eruption.

Das ist die kurzfristige Sicht der Dinge. Langfristig sieht das Bild ganz anders aus: Da ist der Arbeitsmarkt eben kein Nullsummenspiel, sondern eine dynamische Veranstaltung, bei der Arbeitseifer, Aufstiegswille und Innovationsbereitschaft neuer Arbeitskräfte für alle positiv zu Buche schlagen. Sie beanspruchen zunächst Arbeitsplätze, schaffen danach aber selber welche. Immigration steht einem hohen Beschäftigungsstand ebensowenig im Wege wie die hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen.