Untertags ist das Quartier trübe. Ein stillgelegter Hafen am nordöstlichen Rand von Paris. Geborstenes Straßenpflaster, die Trottoirs voller Hundekot, die Eisdecke des Kanals mit Müll gesprenkelt. Auf der eleganten Brücke, die das neue Wissenschafts- und Industriezentrum mit dem neuen Freizeitpark La Villette verbindet, prügeln sich Kinder. Aber in der Nacht! Nachts funkelt und lockt der Park herüber wie ein Feuerwerk in allen Farben der Nation: Vive la France, sons et lumières!

Marineblaue Neonstreifen durchschneiden die Fußwege, rotglühend dräut La Grande Halle (vormals Schlachthof, heute Kulturzentrum) wie das Riesenschloß eines Zauberers, dahinter schießen rund um den Löwenbrunnen Hunderte von grellen Spots aus dem Pflaster, und der weiße Bunker der "Musikstadt" schiebt sich ins Bild. Bunte Projektionen laufen über die fast fensterlosen Seitenwände. Alles ist angestrahlt, geöffnet, voller Menschen, man trinkt Champagner, auch der Bürgermeister ist da: Endlich kann nun auch das Museé de la musique in Betrieb genommen werden, letzte Etappe der Cité de la musique.

Den stolzen Titel "Musikmuseum" sollte man nicht allzu wörtlich nehmen. Die Musik, ein beweglich, flüchtig Ding, läßt sich nicht unter Glas legen, nicht mal hier in Boulez-City, der hoffnungsvollen Stadt der musikalischen Zukunft. Was also in dem schmalen Gebäude in fünf Geschossen ausgestellt wird, das ist die kostbare alte Musikinstrumentensammlung des Konservatoriums: begründet per Dekret vom 16. Thermidor anno III (das war der 3. August 1795) und angelegt aus den konfiszierten Sammlungen emigrierter oder geköpfter Adeliger fortan gehegt, gepflegt und, von weiterer Kriegsunbill unbehelligt, allmählich angewachsen auf rund 4500 Stück.

Eine Schatzkammer ohnegleichen. Unter den vielen schönen flämischen Cembali ein Ruckers-Exemplar aus Antwerpen, mit Schäferszenen bemalt - ist es wohl gestimmt? Edelhölzerne, elfenbeinerne Flöten von Denner oder Hotteterre - man möchte sie gleich ausprobieren.

Dann die Kuriositäten, von dem zweimannshohen "Octobasse" der Weltausstellung 1855 bis zu den Blechblasexperimenten des Adolphe Sax: dem eckig gebogenen Bühnentrompetchen, der nachempfundenen Wikingerlure und dann Saxens folgenreichste Erfindung: das Saxophon.

Die Schätze liegen, gezielt ausgeleuchtet zur Schonung von Lack und Farbe, in ihren Schneewittchensärgen und verbreiten vor allem eines: Aura. Das ist hier nicht anders als in den übrigen Musikinstrumentenmuseen der Welt. Nicht umsonst ist im Verlaufe der Musikgeschichte das Werkzeug, das den utopisch güldenen Klang erzeugt, wie ein kultisches Objekt ausgezeichnet und geschmückt worden mit Silber, Ebenholz, Elfenbein. Eine Engelsharfe, verziert mit dem Medusenkopf die fein emaillierte Schallstürze der Trompete des Jüngsten Gerichts.

Musikinstrumente waren nie nur das Mittel zur Erzeugung von Tönen, sondern auch deren greif-, sicht- und anbetbare Inkarnation.