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Auf dem Balkan dämmert der Postkommunismus. Wütende Demonstranten, desorientierte Polizisten, verunsicherte Machthaber beherrschen die Szenen dieses Wendewinters. Es ist der Mangel, der die Menschen auf die Straße treibt, in Belgrad wie in Sofia. Doch da enden schon die Parallelen. Die Serben verlangen Pressefreiheit, Respektierung des Wählerwillens, kurz: Demokratie. Die Bulgaren wollen bezahlbares Brot und eine warme Wohnung.

Für ihre existentiellen Forderungen ziehen seit voriger Woche täglich Zehntausende durch die bulgarischen Innenstädte. Der Versuch einiger Demonstranten, das Parlament zu stürmen, scheiterte erfolgversprechender ist ihre Parole: "Die Sozialisten sollen abtreten!"

Seit über zwei Jahren regiert die Sozialistische Partei (BSP) nun das Land, die Bilanz fällt vernichtend aus. Die Landwirte und vor allem die einst erfolgreichen Tabakanbauer ersticken im Würgegriff der Bürokraten, die gedankenlos herumexperimentieren.

Die Regierung hält um jeden Preis 64 marode Staatsbetriebe am Leben, die riesige Defizite erwirtschaften. Ihre Schließung ist die Bedingung internationaler Finanzorganisationen für weitere Hilfe. Geld hat Bulgarien bitter nötig. Leider erhielt das Land auch nie einen Ausgleich für die Verluste während der UN-Sanktionen gegen die Bundesrepublik Jugoslawien.

Heute ist die Inflation auf über 300 Prozent hochgeschossen die Devisenreserven sind weitgehend aufgebraucht. Derweil ficht die besitzende Klasse den Kampf um den Rest des Staatsbesitzes aus - mit Waffen. Im Herbst wurde der sozialistische Spitzenpolitiker Andrej Lukanow von Kugeln durchsiebt. Den Krieg der Schutzgelderpresser und regierungsamtlichen Geldwäscher vor Augen, müssen die Bulgaren mit durchschnittlich vierzig Mark im Monat auskommen. Wen überrascht es da noch, daß nach Umfragen 28 Prozent der Bevölkerung auswandern wollen?

Diese Katastrophenmeldungen sind täglich der Presse und dem Fernsehen zu entnehmen. Bulgarien muß keinen Grundkurs in Meinungsfreiheit und Demokratie nachholen. Die Opposition war vor fünf Jahren elf Monate an der Macht. Dann aber errang 1994 die BSP ordnungsgemäß die Mehrheit ihr Mandat endet eigentlich erst 1998. Nur haben zu viele sozialistische Politiker die Macht mißbraucht.

Die oppositionelle Union Demokratischer Kräfte (UDK) fordert nun Neuwahlen. Sie hat Oberwasser, weil im vorigen Oktober ihr Kandidat Petar Stojanow bereits die Präsidentschaftswahlen gewonnen hat.

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Bis zum Urnengang würde die UDK eine Expertenregierung der Sozialisten akzeptieren. Ein Modus vivendi. Wie die Serben wünschen sich die Bulgaren wirksame, breite Reformen, keine blutige Revolution.