Belgrad Die protestierende Menge biegt sich wieder einmal vor Lachen.

Her mit den kleinen Marilyns! Zwei betont schafig dreinschauende Schöne, Wasserstoffbomben mit Idealmaßen, tragen ein Plakat durch die Belgrader Fußgängerzone: "Selbst die Blondinen haben begriffen, worum es hier jetzt geht." Panoptikum. Hereinspaziert. Hier sehen Sie die Waffen, die den Kriegsanstifter zur Schießbudenfigur gemacht haben. In fast sechzig Tagen, die Slobodan Milosevic erschütterten.

Bald müssen die Schafe selbst kommen. Studenten treiben sie aus Serbiens reinster Gebirgsluft, dem südöstlichen Zlatibor, auf die Hauptstadt zu. Sie sollen dem Diktator helfen, klare Gedanken zu fassen. Die Aspiranten der Medizin und der Philosophie sorgten schon vergangene Woche für Aufklärung. Auge in Auge hielten sie den Milizionären, die Belgrads Straßen jetzt gegen die Demonstranten abriegeln, Vorlesungen über Kultur- und Körperpflege. Die künftigen Ärzte klärten die helmbewehrten Kohorten aus der Provinz über die Belastungen der Wirbelsäule durch schwere Polizeiausrüstungen auf. Die Philosophen mischten griechische Klassiker mit profanerem Latein: "Gaudeamus igitur . . . Venit mors velociter, rapit nos atrociter . . ."

Für einen hat sich während der zweimonatigen Demonstrationen ebendiese kurze Spanne erfüllt. Der 39jährige Dozent Predrag Slavcenic wurde am 24. Dezember von Milosevic-Anhängern zu Tode geprügelt. Ob die Gaudi der anderen nicht doch in ein größeres Blutbad umschlagen würde, konnte bisher niemand mit letzter Sicherheit wissen. Doch am Dienstag dieser Woche haben der bloßgestellte, aller autoritären Insignien beraubte Diktator und seine ihn steuernde, noch weit mehr verhaßte Frau Mira ihr Einlenken signalisiert, um die Energie der Opposition zu erschöpfen und die nackte Macht zu retten.

Die städtische Wahlkommission bestätigte im Prinzip die Ergebnisse der Kommunalwahl vom 17. November, die Belgrad-abhängige Richter auf Betreiben der Sozialistischen Partei (SPS) von Milosevic annulliert hatten. Dieser Wahlbetrug hatte die sechs Jahre lang zersplitterte Opposition Serbiens mit einer unerhofften Mission erfüllt und die Straßen Belgrads mit unerwarteten Massen gefüllt. Im Stadtparlament mit seinen 110 Sitzen hat das Oppositionsbündnis Zajedno (Gemeinsam) nun sechzig Mandate zugesprochen bekommen: die absolute Mehrheit.

48 Stunden blieben für Einsprüche und Proteste - wenig Zeit für eine schwerwiegende Entscheidung. Denn Zajedno beanspruchte siebzig gewonnene Mandate und damit eine Zweidrittelmehrheit, mit deren Hilfe Serbiens Weichen vielleicht noch entscheidend umgestellt werden könnten. Das Tauziehen ging also weiter - doch die totale Konfrontation war fürs erste gebannt.

Mehr als eine halbe Million der insgesamt zwei Millionen Belgrader hatten in der vorangegangenen Nacht, beim früher unbeachteten Jahreswechsel nach dem orthodoxen Kalender, in den Straßen demonstriert, daß die Wogen der Menschen nicht mehr zu glätten, die Freudentaumel der Selbstbefreiung kurzfristig mit keinen Tricks mehr umzulenken sind. Längst schon waren wichtige Säulen des Regimes von den täglich parallel laufenden Wellen der Studentenumzüge und der Oppositionsmärsche unterspült worden. Die Kirche, die selbst die ideologische Führung anstrebt, beschuldigte Milosevic, die politische und religiöse Freiheit zu strangulieren. Das nach den Kriegsverlusten finanziell gekappte Militär sicherte den Studenten zu, daß es nur "demokratische Mittel" und die "Wiedereingliederung in die internationale Gemeinschaft" akzeptiere. Beamte aus Nis boten der Opposition Unterlagen über massive Wahlfälschungen gegen die Zusicherung einer Amnestie an. Selbst aus Milosevic' gefürchteten Spezialeinheiten sickerten Namen und Daten über die schlimmsten Schläger zu den Demonstranten durch.