Man kann sich den Gegensatz zwischen den beiden letzten Mitterrandschen grands projets nicht krasser denken: zwischen Dominique Perraults Nationalbibliothek und der Cité de la Musique von Christian de Portzamparc. Aber man fragt sich schon, was die Juroren bewogen haben mochte, ausgerechnet dem zweiten den amerikanischen Pritzker-Preis 1994 zu verleihen und warum überhaupt. Weltklasse?

Nicht weil de Portzamparc ein einfallsloser Baumeister wäre er hat, namentlich im Wohnungsbau, außerordentlich sympathische, nämlich städtebaulich durchwirkte Ideen gebaut. Sondern weil er mit seinen Einfällen nicht haushält. Vor allem in seinen jüngsten Werken zeigt er sich als ein von der Postmoderne genährter Manierist, der mit architektonischen Formen gern herumschlenkert. Gewiß ist aber auch, daß er damit den Beifall des Publikums hat: endlich keine Kisten, Kästen, Klötze, sondern lauter räumliche, farbige, formale Überraschungen, endlich eine Entertainment-Architektur - auch um den Preis von gefangenen Räumen, in denen Menschen Stunde und Stunde in künstlichem Licht zubringen müssen, so wie in der Musikhochschule am Parc de la Villette, die zusammen mit der eigentlichen Musikstadt am Löwenplatz die Cité de la Musique bildet.

Beide Komplexe, die Musikhochschule westlich des Löwenbrunnens und die "Stadt der Musik" östlich davon, haben einen Feind, das ist die breite, lärmende Avenue Jean-Jaurés, die nun hier draußen, am nordöstlichen Schnittpunkt mit dem Pariser Autobahnring, eine Art von bemerkbarem Tor durch Architektur bekommen hat: an der Porte de Pantin (Metrolinie 5). Beide Baukomplexe wenden sich ihr deshalb mit zugeknöpften Fassaden zu, die Hochschule mit vier Blöcken, die hinter einem Wasserbecken einen sanften Bogen beschreiben, aber von einem mächtigen Dach wieder in die Gerade zurückgeholt werden. Bei der Cité hingegen ist die Front so öd wie ein Bürodutzendbau, nur überragt vom dicken ovalen Konzertsaal mit seinem leicht gewölbten schrägen Dach und zwei bizarren Turmbauköpfen. Das eigentliche architektonische Leben ereignet sich im Innern.

Die Hochschule bildet ein langes rechteckiges U. In der Mitte, sieben Meter unter Straßenniveau, ist ein Gartenhof eingelassen, um den Untergeschossen (wie in der Nationalbibliothek) Tageslicht zu verschaffen. Ringsum ist der Hof von unvermittelt aneinandergefügten, formal gegeneinander auftrumpfenden Gebäuden umgeben, darunter ein geköpfter schräger Kegel (Orgelsaal), ein kubisches Bühnenhaus (Opernsaal), ein gekrümmter, spitz auslaufender Bau: ein Konglomerat, das ein bißchen Stadt spielt. Im Innern, allerdings, ist vor allem das Umherwandeln ein Vergnügen dank der unendlichen Ein-, Auf-, Hinab- und Durchblicke. Viele reizende Einfälle, aber auch allerlei postmoderner Schnickschnack.

Und die Cité de la Musique nebenan? Ein großes merkwürdig kleinkariert wirkendes Gemengsel sehr verschiedener Baukörper für dies und das. Im Zentrum der Saal mit 800 bis 1200 Plätzen (viel kleiner als der einst hier verlangte große philharmonische Saal für Paris), umgeben von einer mit Glas gedeckten Foyerspirale. In den drei ein langgezogenes Dreieck bildenden Flügeln um Saal und Foyer herum: 83 Studentenwohnungen, Räume für Boulez' Ensemble InterContemporain, für ein Musikpädagogisches Institut, für Komponisten-, Autoren-, Verlegergesellschaften, eine Dokumentationsstelle, ein großzügig ausgestattetes Informationsbüro für wirklich alle die Musik, ihre Ausübung und ihre Verwertung betreffenden Fragen, ein Musikalienladen, zwei Cafés und endlich: das gerade eröffnete Musikinstrumentenmuseum.

Die Cité ist der Länge nach schräg von einer Glaspassage durchzogen.

Ihren Entreebau hat, der Korrespondenz mit den knallroten Stahl-Folies im Parc de la Villette wegen, ihr Architekt Bernard Tschumi ebenso knallrot gestaltet. Und also mitten darin: der ovale, für die älteste wie die allerneueste Musik ausgerüstete Saal, prinzipiell mannigfach zu variieren, der Klang akustisch präzis zu steuern, das Interieur obendrein raffiniert und ein bißchen kitschig zu illuminieren.