Ein Archiv bewahrt nicht nur Akten, sondern auch Stimmungen auf.

In den "Marbacher Memorabilia" von Bernhard Zeller, der von 1953 an das deutsche Literaturarchiv aufbaute, ist einiges vom kulturellen Klima der Nachkriegszeit zu spüren. Auf dieses Klima kann man, wohl wahr, nicht gerade stolz sein. In Zellers Buch (erschienen bei der Deutschen Schillergesellschaft in Marbach/N., 527 S., 40,- DM) ist noch einmal nachzulesen, wie unendlich schwer sich die Bundesrepublik in ihren Anfängen tat, die Exilierten, die nach Deutschland zurückkehren wollten, aufzunehmen daß Käte Hamburger nur Benno von Wiese diese Rückkehr verdankt daß Zeller den Jean-Paul-Forscher Eduard Berend, der verarmt in Zürich lebte, nur dank eines Rentenvertrages mit der Allianz nach Marbach holen konnte daß manche ihre Schätze dem Archiv verkauften, um im Ausland kärglich leben zu können.

Die Obrigkeit indes war mit anderem allzu beschäftigt: 1955 ärgern sich die westdeutschen Behörden, daß Thomas Mann seine Festrede zum 150. Todestag Schillers nicht nur in Stuttgart, sondern auch in Weimar hält. Und am Morgen von Schillers 200. Geburtstag im Jahr 1959 muß sich der Archivdirektor mit der "Kranzschleifen-Problematik" befassen: Der Verfassungsschutz des Landes will wissen, ob die Schleifen der Kränze für Schiller aus Berlin Ost das Emblem der "Zonenregierung" trügen. Viele kleine Beispiele zeigen, wie solche Nadelstiche die guten, grenzüberschreitenden Absichten von Dichtern, Herausgebern und Archivdirektoren zunichte machten. Oder, wie es ein Schüttelreim Hermann Hesses sagt, von Zeller im Archiv bewahrt: "Wenn durch das Zimmer eine Mücke fliegt / Sich, wenn bedroht, in jede Lücke schmiegt, / Dann sieht, wer sich zu sehr in seinem Glücke wiegt, / Daß letzten Endes doch die Tücke siegt".