Hoch über dem Rhein blickte Außenminister Klaus Kinkel (FDP) düster in die Zukunft. Ohne den Euro, prophezeite Deutschlands oberster Diplomat auf dem Petersberg nahe Bonn, drohe den Zahlungsmitteln des Alten Kontinents - einschließlich ihres Erfolgsmodells D-Mark - der Absturz. "Mit Dorfwährungen können die Europäer nicht gegenüber Dollar und Yen konkurrieren", mahnte der Jurist Kinkel zu Anfang des neuen Jahres - und brach damit ein Tabu im Land des Wirtschaftswunders.

Die Mark eine Dorfwährung - solch ein Urteil klingt in den Ohren der Bundesbürger wie Blasphemie. Wenn die Deutschen nur noch an wenig glauben, ihr Vertrauen in die eigene Währung ist ungebrochen.

"Mark" reimt sich auch heute noch auf "stark".

Kinkels Vorlage ließ sich denn auch Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber, ein selbsternannter Gralshüter der Mark, nicht nehmen. "Dumm", giftete der Christsoziale. Mit seiner Schelte tut der Abkanzler aus dem Münchner Maximilianeum dem schwäbischen Rauhbauz Kinkel ein wenig unrecht. Der Außenminister hat zwar mal wieder das Falsche gesagt, immerhin jedoch etwas Richtiges gemeint.

Die Mark, da besteht kein Zweifel, hat schon mal weitaus bessere Zeiten erlebt. "Der Lack ist deutlich angekratzt", bilanziert Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs in Frankfurt, stellvertretend für viele an den internationalen Finanzmärkten.

Der zweitwichtigsten Valuta der Welt ergeht es wie den Produkten "made in Germany". Sie sind zwar immer noch gut, aber eben nicht mehr einsame Spitze. Der einstige Glanz verblaßt. Die Konkurrenten haben enorm aufgeholt. War die Mark "1995 mit Sicherheit überbewertet" (Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer), so geht der Trend seither in die andere Richtung.

Urlauber berichten seit längerem: Deutschlands Währung verliert in den meisten Ländern an Wert. Das subjektive Empfinden der Reisenden bestätigt eine Statistik der Deutschen Bundesbank. Die Frankfurter Währungshüter haben berechnet, daß die Mark im vergangenen Jahr gegenüber den achtzehn wichtigsten Industrieländern rund vier Prozent ihres Wertes verloren hat. Im Vergleich zu allen Währungen der Europäischen Union waren es sogar mehr als fünf Prozent. Selbst einstige Weichwährungen wie die italienische Lira oder die spanische Pesete behaupten sich mittlerweile fast mühelos. "Die D-Mark ist schwach - und zwar querbeet", resümieren Devisenhändler rund um den Globus.