Mir sind in den Tagen um den Jahreswechsel die vielen verdrossenen Gesichter im Straßenbild aufgefallen. Der bedeutende Sozialpsychologe Schneider-Schromm erklärte mir das so:

"Nun, immer mehr Menschen leiden an dem Syndrom, überflüssig zu sein. Sie haben das Gefühl, niemand braucht sie, niemand will sie, eigentlich stehen sie allen im Wege. Täglich erfahren sie aus den Medien, daß sie den Arbeitsplatz belasten und die Arbeitslosenstatistik verhunzen. Vor allem die älteren Arbeitslosen, die nicht mehr vermittelbar sind, kommen sich völlig unnütz vor. Andere stehen schon mit einem Bein im Aus und wissen, daß sie demnächst ein Fall für die Sozialfürsorge sind, die auf sie gerade noch gewartet hat."

"Das ist es ja", fuhr Schneider-Schromm fort, "was vielen Menschen so unendlich peinlich ist, daß sie schon durch ihre bloße Existenz den Sozialstaat zerrütten. Kranke sind von tiefen Schuldgefühlen geplagt, weil sie durch ihren schwerertrotzten Sieg im Kampf um die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ihren Arbeitgeber nicht nur vergrätzt, sondern ihn womöglich an den Bettelstab gebracht haben. Damit sind wir schon bei unseren besonderen Sorgenkindern: den Rentnern. Täglich gellt es ihnen in den Ohren, daß sie durch ihr Anspruchsdenken zum Ruin unseres Sozialstaats beitragen, und hören den Vorwurf heraus, doch bitteschön auf ihre Rente ganz zu verzichten. Das macht natürlich bitter."

"Man begegnet aber auch vielen Bürgern, sagte Schneider-Schromm, "aus deren Mienen nichts als eine tiefe Enttäuschung abzulesen ist."

"Das sind die, die es sich nicht verzeihen können, daß sie auf die vollmundigen Versprechen des Kanzlers hereingefallen sind."