Morgens 6.30 Uhr vor dem Münchner Hauptbahnhof. Die Schächte der U-Bahn entlassen vermummte, gebückte Gestalten in die Dunkelheit.

Vor der Kaufhauspforte friert eine Gruppe von Skitouristen. "Hast den Ausweis auch eingepackt?" - "Jetzt müßte eigentlich bald der Bus kommen!" Er kommt mit sekundengenauer Pünktlichkeit, steuert wie in Zeitlupe auf die Haltestelle zu. Akkurat verstaut der Fahrer das Skigerät in der Frachtluke. Hektisch steigen die Gäste in den Bus. Alles funktioniert wie nach einer einstudierten Choreographie.

Schließlich hat man keine Zeit zu verlieren. Fünfmal pro Woche bringt der Umweltbus Großstädter in Tiroler Skigebiete. Heute steht das Hochzillertal auf dem Programm. Fahrt, Liftkarte und als Streicheleinheit für die Qual des nächtlichen Aufstehens noch Kaffee, Frühstückssemmeln und Zeitung. Alles inklusive für 59 Mark. Eine Offerte für kühle Rechner. Pünktlich um 6.50 Uhr zählt Amelia, die gutgelaunte Reiseleiterin, die gebürtige Spanierin ist und deutsch mit englischem Akzent spricht, ihre Schäfchen durch. Um 6.52 Uhr wirft sich der Fahrer hinter das Steuer und startet den Bus. Gerade mal zwei Minuten über dem Zeitplan. Alle sind zufrieden.

6.57 Uhr, Amelia verteilt die Frühstückssemmeln, die in graue Papiertüten eingepackt sind. Vorne sitzen die Routiniers. Erfahrene Alpinisten mit sonnengebräunten Luis-Trenker-Gesichtern und knallroten Pullovern im Stil österreichischer Skilehrer. Preise und Angebote können sie wie aus einer Datenbank abrufen. Sie kennen zwischen Chamonix und Semmering jeden Hüttenwirt beim Vornamen, wissen, wo der Jagatee richtig ins Hirn reinbrennt und wo die Knödel am dicksten sind. "In Südtirol da ham s' eine Woche Halbpension für 599 Mark angeboten", wirft einer von ihnen in fränkischem Dialekt seinem Nachbarn zu. - "Des is geschenkt", sagt der nur kurz, aber mit der sicheren Stimme eines Experten. Amelia verteilt Plastikbecher mit frischem Kaffee, während sich hinten einige Einzelreisende mit vorsichtigen Blicken mustern. Daß heute nur 27 Leute mit von der Partie sind, das ist eher untypisch. Gerade am Wochenende, da seien die Busse immer voll, erzählt eine Frau, die mit ihrer Tochter unterwegs ist. Fast nur junge Leute am Wochenende. Seit 1994 sind die Umweltbusse von München, aber auch von Nürnberg, Ingolstadt und Augsburg nach Österreich unterwegs. Sie fahren nach Matrei, Zauchensee, zum Nachtrodeln nach Achenkirch und wie heute ins Skizentrum Hochzillertal. Bunt zusammengewürfelte Gesellschaften, die alle nur eines wollen: möglichst billig, möglichst schnell und möglichst bequem an die Piste. Der Umweltbus ist ein stinknormaler Reisebus, hochtrabend nur so genannt, weil er die Skifahrer davon abhalten soll, im eigenen Wagen zu den Pisten zu fahren.

Hinter Holzkirchen beginnt der Morgen zu dämmern, tauchen schemenhaft verschneite Bäume aus dem Nebel. Ein großgewachsener Endzwanziger, den man sich gut als Betriebswirtschaftsstudent oder kaufmännischen Angestellten vorstellen könnte, sucht eifrig die Blicke eines blonden Mädchens, das sich in seinen Anorak vergraben hat. Kurz vor Kufstein bringt Amelia die Skipässe, eine Broschüre des Skigebiets und einen dünnen Verkaufsprospekt des Busunternehmers. Das blonde Mädchen hat immer noch nicht zurückgefunkt. Der Blick des Verehrers bekommt etwas Verzweifeltes.

An der Grenze wird die Pinkelpause mangels Nachfrage gestrichen.

Das bringt gut und gerne zehn Minuten. Nach zwei Stunden erreicht der Bus das Zillertal, nähert sich dem Parkplatz in Kaltenbach direkt neben der Talstation. Kaltenbach hat eigentlich nichts, was für einen Wintersportort charakteristisch ist. Der Ort wirkt beunruhigend normal. Statt opulenter Hotelkästen nur ein paar beschauliche Pensionen. Einfache Wohnhäuser mit Holzbalkonen.