Der Prozeß gegen zwei der vermutlich fünf Entführer Jan Philipp Reemtsmas findet derzeit in Hamburg statt, und Reemtsma, der als Nebenkläger an den Verhandlungen teilnimmt, hat auf die Frage, weshalb er sich das zumute, in einem Gespräch, das Stephan Lohr auf NDR 3 mit ihm und seiner Frau geführt hat, lakonisch geantwortet: "Was auf den Tisch kommt, wird gegessen."

Was da auf den Tisch kommt, sind 33 Tage Isolationsfolter und Todesangst, 30 Millionen Mark Lösegeld und ein Sturz ins Bodenlose.

Die gutbürgerliche Metapher vom Tisch und vom Essen zeigt das Bild eines Mannes, für den Selbstkontrolle und Pflichtbewußtsein hohe Tugenden sind. Auch der eben erschienene Bericht "Im Keller" ist dafür ein Beweis. Darin heißt es: "Er nahm sich vor, nicht zu weinen. Er hätte es gern getan, hatte aber die Sorge, dann irgendwie von den eigenen Tränen weggeschwemmt zu werden, die nötige Contenance nicht mehr finden zu können."

Haltung zu bewahren, während man stürzt, ist nicht jedermanns Sache, und es ist gut denkbar, daß ein Mann minderer Intelligenz und Sensibilität in derselben Lage tödliche Fehler begangen hätte.

Es ist auch denkbar, daß ein solch Anderer die Kette der Demütigungen leichter hätte ertragen können. Reemtsma jedenfalls hat sich dafür entschieden, nach dem Sturz nicht zu flüchten, sondern standzuhalten, wozu gehört, das alles aufzuschreiben und zu veröffentlichen.

Daß einer einen solchen Menschenraub halbwegs überlebt,ist nicht selbstverständlich und erst recht nicht, daß er danach so klug und aufrichtig darüber schreiben kann.

Wer den Teilabdruck im Spiegel gelesen hat, mag einen Mangel an Dramatik und Pathos empfunden haben. Der Leser, der ja nicht im Keller war, ist zunächst, und sei es unbewußt, an der spannenden Story interessiert. Aber Reemtsma liefert das Krimi-Drehbuch nicht.