Der europäische Währungskommissar Yves-Thibault de Silguy gab sich begeistert. Bei ihrem europaweiten Privatwettbewerb für das Design von Euro-Scheinen und -Münzen hatte die Deutschfranzösin Sylvia Bourdon Erstaunliches geschafft: Eine Million Europäer hatten über das Aussehen des künftigen Geldes abgestimmt. Deshalb sollte der Siegerentwurf der Euro-Banknote auch an das Europäische Währungsinstitut (EWI) in Frankfurt weitergeleitet werden, versprachen de Silguy und Europaparlamentspräsident Klaus Hänsch am 4. Juli vergangenen Jahres in einem Brief an die Initiatorin. Bereitwillig spendierten die Europainstitutionen 260 000 Mark für Siegerehrung und Preisgelder. "Diese Aktion ist ein Beispiel dafür, wie man Europa den Bürgern nahebringt", betonte de Silguy bei der Preisverleihung am 23. Juli.

Doch was folgte, ist ein Beispiel dafür, wie man die Bürger von Europa entfremdet. Aus der Presse erfuhr Bourdon Mitte Dezember, das EWI habe den Österreicher Robert Kalina zum Designer der Euro-Scheine gekürt. Auf Nachricht darüber, was aus den Siegerentwürfen ihres Wettbewerbs geworden ist, wartet Bourdon noch heute. Wer nachfragt, fühlt sich an ein Schwarzer-Peter-Spiel erinnert. In Hänschs Büro heißt es, de Silguy sei zuständig, beim Währungskommissar, die Entwürfe seien ans EWI geschickt worden. In Frankfurt hingegen hat man die Brüsseler Sendung nie erhalten. Darauf antwortet Brüssel, das EWI hätte den Entwurf ja auch der Presse entnehmen können.

Kurz: Trotz ihres Versprechens haben de Silguy und Hänsch den Entwurf nie nach Frankfurt geschickt. An der EWI-Endauswahl hat er folglich nicht teilgenommen.

Die Verfahren der ehemaligen Galeristin aus Paris und der künftigen Euro-Währungshüter aus Frankfurt stehen für grundverschiedene Europavisionen - Demokratie versus Technokratie. Beim EWI waren die Experten unter sich. Nur europäische Designer mit langjähriger Erfahrung im Banknotenentwurf durften ans Werk. Marketing-, Graphik- und Sicherheitsspezialisten besorgten die Vorauswahl. Ein Meinungsforschungsinstitut befragte gerade mal 2000 Europäer. Dann fällten die Notenbankpräsidenten der EU-Mitgliedsländer ihr Urteil. Die Europäer, die den Euro vom Jahr 2002 an in ihren Geldbeuteln tragen sollen, waren von dem Verfahren ausgeschlossen.

Ganz anders beim Bourdon-Wettbewerb. "Wer soll denn Europa schaffen, wenn nicht wir Bürger?" ist das Motto der Überzeugungstäterin.

Ihr Vorgehen: Eine Jury - darunter der renommierte französische Designer Philippe Starck - wählte pro Land je einen Entwurf eines Geldscheins und einer Münze aus. Danach sollten die Vorschläge auf kostenlosen Farbanzeigenseiten auflagenstarker Zeitschriften den Bürgern vorgestellt werden. Außer in Österreich gelang Bourdon ihr erstaunlicher Coup überall - in Deutschland bei der Welt am Sonntag. Das Ergebnis von Bourdons Euro-Volksabstimmung war eindeutig: Platz eins beim Schein für den Entwurf des spanischen Designerbüros Codina & Fontanals, Sieg für den Frankfurter Andreas Karl beim Vorschlag für die Münze.

Als die Idealistin die Initiative 1991 startete, lehnten die europäischen Institutionen zunächst jede Unterstützung ab. "Die dachten alle, ich sei verrückt", erinnert sich Sylvia Bourdon. Nur Altbundeskanzler Helmut Schmidt und Frankreichs damaliger Außenminister Roland Dumas ermutigten sie schon damals. Erst als ein Erfolg des privaten Euro-Wettbewerbs immer offensichtlicher wurde, sprangen auch Kommission und Europaparlament auf den fahrenden Zug - offenbar in der Hoffnung, die Sache würde nach der Preisverleihung schnell wieder vergessen.