Tanz - und Museum? Bewegung im Archiv? In Emden geht das gut.

Noch mehr als Literatur-Ausstellungen mit Büchern, Briefen, Dokumenten und viel Staub sind Tanz-Ausstellungen bedroht. Nichts toter als durchtanzte Schühchen, vergilbende Tutus, welke Lorbeerkränze, Visitenkarten, Verehrer-Briefe.

Doch in der von Karin Adelsbach und Andrea Firmenich erdachten, erträumten Ausstellung gerät man in einen immer stärkeren Sog.

Kein Tanzrausch überwältigt uns. Aber es strahlt von Plastiken, Ölgemälden, Aquarellen eine Heiterkeit aus, eine Lebensfreude, die sich auf den Gesichtern der Besucher widerspiegelt. Woran man als Zuschauer eines Ballett-Abends nicht denken darf, hier möchte man es wagen - sich einreihen in die Tanz-Reigen ("Graue Harmonie", "Grau, blau, rosa" oder "Grau, blau, weiß"), die Henri Matisse in den Jahren 1931 bis 1936 geschaffen, die er als junger Mann, dreißig Jahre früher, weniger abstrakt, noch "Lebensfreude" zu nennen gewagt hat.

Was in "Kunst"-Ausstellungen nicht immer passiert - in Emden glückt es: Ein Fest entsteht. Hier ein kleiner Flirt mit Ernst Ludwig Kirchners so erschöpfter wie auf Einladung wartender "Sitzender Tänzerin" (1913) dort der Wunsch, von keinem Mit-Betrachter gestört, den geradezu keusch verriegelten Holzschnitt "Tänzerin mit gehobenem Rock" (1909) zu entziffern. Wer ist trauriger von August Mackes "Pierrot mit Tänzerpaar" (1913)? Der weiße, weinende Clown? Der seiner Begleiterin hinter schwarzer Augenmaske (vielleicht) in den Ausschnitt gaffende Tänzer in roter Hose? Die wie abwesend ins Leere starrende junge Frau unter weißem Hut? Das sich hinter ihr erhebende Pferde-Haupt? Oder der Betrachter dieses wild bewegten Stillebens? Und sollten wir bei Kirchners "Rache der Tänzerin", einem Ölgemälde von 1912, nicht lieber wegschauen? Tritt die Frau mit entblößten Schultern ihren auf das Tanzparkett stürzenden Partner, oder sehnt er sich, ihr die Füße zu küssen?

Obwohl der Tanz die Künstler - nicht nur Maler und Bildhauer - angeregt hat, scheint es bisher keine Ausstellung gegeben zu haben, die der Wechselbeziehung Aufmerksamkeit geschenkt hat. Auch dieses Defizit lohnt eine Reise nach Emden: 161 Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen von Künstlern dieses Jahrhunderts sind zu besichtigen, von A (Archipenko) bis W (Gert Heinrich Wollheim, 1894-1974, und seinem großen "Tänzerin"-Bild von 1922).

Was Emil Nolde in seiner Selbstbiographie notiert hat, gilt für alle hier versammelten Künstler: "An dem Tanz als Kunstäußerung oder auch als Bewegung, als Leben, hatte ich immer meine Freude."