Jetzt wissen es wohl alle, wie sich die Schweiz dem Dritten Reich dienstbar machte, aus Angst, aus Taktik, in vorauseilender Gesinnungsneutralität: Sie nahm Raubgold an, sie wies Flüchtlinge ab und rückte nachher deren Vermögen nicht heraus. Der Auslöser des Skandals ist der New Yorker Senator Alfonse D'Amato, der einem schaudernden amerikanischen Publikum Dokument um Dokument enthüllt. Mittlerweile spricht man von Boykotten gegen Schweizer Banken, deren Kurse fallen an der Börse. Und nun wettert auch noch der Bundespräsident Jean-Pascal Delamuraz gegen die "Lösegeld-Erpressung", weil der Jüdische Weltkongreß einen sofortigen Entschädigungsfonds in Höhe von 250 Millionen Dollar für Holocaust-Opfer fordert. Der Präsident ortete "eine Schaltstelle, die nichts anderes als die Zerstörung des Finanzplatzes Schweiz im Sinne" habe. Martin Rosenfeld, der Vorsitzende des schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, warf Delamuraz daraufhin am Montag vor, er habe eine Welle von antisemitischen Äußerungen provoziert. Und Avraham Burg, Präsident der Jewish Agency, hat den Bundespräsidenten aufgefordert, seine "beleidigenden Bemerkungen" bis zum 10. Februar zu widerrufen.

Die Enthüllungen D'Amatos hatten die schweizerische Politikerriege seit dem Herbst zunehmend genervt. Schon damals sprach man in dieser kleinen Welt rund ums Berner Bundeshaus von einem Wirtschaftskrieg, von der gewollten Herabminderung des Finanzplatzes - der einzigen Branche der Schweiz, die noch funktioniert, die restliche Volkswirtschaft stagniert seit sechs Jahren. Wirklich geschadet hat den Banken aber erst die Polemik des Präsidenten. Die holländische ABN Amro-Bank schreibt inzwischen in ihren Aktientips: "Die anhaltende Holocaust-Diskussion läßt uns Schweizer Banken meiden."

Die eingeschlossene, bedrohte, die mißverstandene Schweiz: Das ist das wohlvertraute nationale Selbstverständnis. Der älteren Generation ist es aus dem Zweiten Weltkrieg geläufig. Damals bedrohte ein kriegsrünstiger Nachbar das Ländchen - aber es gab nicht nach, hatte die riesige Armee mit einer halben Million Mann, baute den Gotthard zur Festung aus und überlebte in Ehren. Heute noch ist dieses Land nicht in der Uno, nicht in der Nato, nicht in der EU und ärgert sich, wenn das Ausland es doch wieder besser wissen will.

Aufgeschlosseneren, oft jüngeren Geistern stehen ob solcher Mythen die Haare zu Berge. Schon vor zwanzig, dreißig Jahren haben junge Forscher und Journalisten nachgewiesen, daß unter der Gotthardfestung täglich Züge mit Kriegsmaterial und Arbeitssklaven der Achsenmächte durchgerollt waren, daß die Hälfte der Maschinenindustrie für des Reiches Rüstung gearbeitet hatte. Mit dem Buch "Das Boot ist voll" zeigte der Journalist Alfred Häsler 1967, wie die Behörden die Grenze für "Flüchtlinge aus Rassengründen" schlossen, obwohl die gezielte Vernichtung der Juden schon bekannt war. Der Journalist Werner Rings füllte vor zwölf Jahren Zeitungs- und Fernsehserien über den offiziellen Handel mit deutschem Raubgold. Die Nationalbank selbst veröffentlichte 1985 die Forschungen eines Historikers über ihr Milliardengeschäft mit der Reichsbank. Der Journalist Gian Trepp schließlich enthüllte die Zusammenarbeit zwischen Nationalbank, Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) und Reichsbank.

Diese Leute sind heute geachtete Autoren, andere lehren an den Universitäten. Die Bundespolizei aber hatte bis vor zehn Jahren 700 000 solche kritische Schweizer geheimdienstlich registriert.

Diese Generation muß sich heute doppelt ärgern: Nicht nur hat ihre Aufklärung viele Politiker in Bern nicht erreicht - auch Senator D'Amato zaubert Skandale aus seinem Hut, die schon längst im Buchhandel sind. Noch am 12. Januar legte D'Amato "neue" Dokumente vor, wonach die Schweiz lastwagenweise Gold nach Portugal verschoben habe. In Gian Trepps Buch von 1985 allerdings kann man bereits die Transportfirma, die Kalendertage und die Tonnen bis auf Kommastellen genau nachlesen. Seit acht Jahren stehen die Kriegsgeschäfte in einem offiziellen Schulbuch der Gymnasien. Der Nachwuchsdiplomat Linus von Castelmur verfaßte 1992 über diese Vorwürfe (die übrigens schon nach dem Krieg von Amerika erhoben wurden) eine Dissertation.

Darin warf er den Amerikanern "die extreme Rezeptionsunwilligkeit gegenüber nicht in englischer Sprache verfaßten Untersuchungen" vor.