Wenn Regierungschef Helmut Kohl Industrie, Finanzwirtschaft und Gewerkschaften zu seinen Kanzlerrunden bittet, dann sitzt eine der umsatzstärksten Branchen des Landes nicht mit am Tisch. Der Einzelhandel, dessen Giganten es locker mit den Großen der Industrie aufnehmen können, wird vom Deutschen Industrie- und Handelstag mitvertreten.

Bei Ministerrunden und Hearings sind die Händler hingegen gleich mit drei Interessenverbänden dabei. Und auch in Brüssel, klagte Holger Wenzel, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE), sei die Branche nicht optimal vertreten.

Was die Industrie, organisiert im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), und das Handwerk schon seit Jahren vormachen, das, so Wenzel, sollte endlich auch dem Handel gelingen: mit einer Stimme zu sprechen, egal ob Konzern oder Tante Emma. Nebenbei würden die Mitgliedsfirmen so auch Beiträge sparen. Das alles ist in der Branche auch weitgehend unumstritten.

Doch merkwürdig, derzeit scheint eher eine weitere Zersplitterung zu drohen. Anfang Januar hatte die Kölner Metro AG für ihre Tochterunternehmen Kaufhof und Horten die Mitgliedschaft bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels (BAG), in der vor allem die Warenhauskonzerne vertreten sind, zum Ende dieses Jahres gekündigt. Postwendend hat nun die Essener Karstadt AG dem HDE mitgeteilt, "zum nächstmöglichen Termin" den HDE sowie dessen sämtliche Landes- und Regionalverbände samt ihren Tochterunternehmen Hertie und Neckermann Versand zu verlassen.

Der seit Monaten schwelende Konflikt um die Neuordnung der Verbände hat damit einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Die Kontrahenten: Metro-Chef Erwin Conradi, der sich dafür stark macht, daß künftig der HDE allein die Branche vertritt, und dem dieser Einigungsprozeß anscheinend nicht schnell genug geht sowie Walter Deuss, Vorstandschef von Karstadt und zugleich BAG-Präsident. Sein Standpunkt: Weil ein Einheitsverband dazu neigen könnte, sich immer nur auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu bewegen, sieht er in einem Zusammengehen seiner BAG mit dem Bundesverband der Filialbetriebe und Selbstbedienungs-Warenhäuser (BFS) mehr "Glaubwürdigkeit" als in einem einheitlichen Spitzenverband.

In gemeinsamen Presseerklärungen zu Themen wie Kartellrechtsnovelle oder 590-Marks-Kräften im Handel hatten beide Verbände bereits im vergangenen Jahr den Schulterschluß demonstriert. Ganz unberührt davon sind sämtliche Handelsunternehmen im HDE organisiert, der die bisher einzige Tarifvertragspartei ist.

Bleibt es bei Kündigungen der beiden Großunternehmen, hätte das für die Verbände schmerzliche Folgen: Sie müßten auf erhebliche Beiträge verzichten. So würden dem Etat der BAG von 6,5 Millionen Mark durch den Metro-Abgang rund 2 Millionen Mark fehlen. Etwa gleich hoch dürfte der Karstadt-Beitrag zum HDE sein, weshalb der Essener Konzern wohl erwägt, künftig das BAG-Loch zu stopfen.