Gibt es die Börse wirklich? Oder ist sie nur eine Konstruktion der Medien? Und falls sie tatsächlich existieren sollte (einige Indizien sprechen dafür): Geht es da wahrhaftig so verrückt zu?

Zweifel sind berechtigt. Alles, was wir wissen, wissen wir nur aus Zeitung und Fernsehen, schreibt der Bielefelder Soziologieprofessor Niklas Luhmann im jüngsten seiner vielen Bücher. Er bezweifelt entschieden, daß die Wirklichkeit tatsächlich so ist, wie die Massenmedien sie darbieten. Wahrscheinlich sei alles viel langweiliger.

Doch mit Langeweile läßt sich kein Blumentopf gewinnen. Deshalb wird aus gewöhnlichen Dingen eine Sensation. Aus einem Windstoß ein Hurrikan und aus jedem Börsentag ein geschichtsträchtiges Ereignis.

Die Zinsen hätten ein "historisches" Tief erreicht, schreibt die FAZ. Der Dax sei auf einen "historischen" Rekordstand geklettert, steht in der Süddeutschen Zeitung. Und das fast jeden Tag aufs neue. Doch ob das gegenwärtige Zinstief oder das Daxhoch historisch ist, ob sie also einmal neben der Mondlandung und der Schlacht bei Waterloo in den Geschichtsbüchern stehen werden - wer will das heute schon beurteilen?

Falls die Autoren mit dem Zusatz "historisch" aber bloß mitteilen wollen, daß die Zinsen noch niemals tiefer und der Dax noch nie höher waren als gerade an diesem Tag, dann haben sie das falsche Eigenschaftswort gewählt. Obendrein wäre die Behauptung auch inhaltlich nicht korrekt, wenigstens im Falle der Zinsen. Die waren durchaus schon niedriger. Und daß der Dax immer wieder einen neuen Höchststand erreicht, ist keineswegs ein historischer Vorgang. Dazu ist er ja da. Die Aktienunternehmen geben von ihren Gewinnen schließlich einen kleinen Teil an ihre Aktionäre weiter. Und die kaufen dafür neue Aktien. Das führt zwangsläufig dazu, daß der Dax mehr nach oben als nach unten geht. Daß sein unaufhaltsamer Aufstieg ab und zu durch Rückschläge unterbrochen wird, ändert daran nichts.

Vermutlich wird deshalb auch in Zukunft in den Börsennachrichten ein "historisches" Hoch das andere jagen. Sehr zum Mißbehagen der Aktiengesellschaften übrigens. Denen kann es gar nicht recht sein, wenn der Eindruck entsteht, der aktuelle Stand der Aktienkurse sei nicht normal. Denn niemand bei klarem Verstand kauft Aktien, wenn die Preise gerade sensationell hoch sind. Zwar zeigen die nach wie vor steigenden Kurse, daß sich nicht alle von den Börsenberichten abschrecken lassen. Die meisten Geldanleger lehnen es jedoch ab, ihr Geld der Aktienbörse anzuvertrauen. Aus gutem Grund. Schließlich kann man sich bei einer Institution, in der fortwährend historische Rekorde aufgestellt werden, nie sicher sein, ob sie nicht tatsächlich nur eine Konstruktion der Medien ist.