Immer wieder: der Mythos. Das Koordinatensystem, in welchem der Mensch seine Welt erfährt, sie ordnet und deutet, in dem er seine existentiellen Ängste zu vertreiben, seine letztlich unbeantwortbaren Fragen zu lösen versucht. Heute: sein Altern, das Sich-von-sich-selber-Lösen, das Abgelöst-Werden die körperliche Selbsterhaltung in der neuen Generation, die geistige in der Erinnerung oder in der transzendierenden Liebe - Eros und Thanatos.

Der Dichter formuliert den Mythos in bildhaften Chiffren: Die liebeserfahrene Venus kann mit all ihren Verführungskünsten den schönen Adonis nicht von der Jagd abhalten, bei der ein Eber ihn tötet - aber aus seinem Blut entspringt die purpurrot-weiße Anemone.

Der Musiker kennt zwar die Geheimnisse der Ausdruckskraft wie der Strukturen seiner Klänge - und muß doch vieles hinter der Abstraktion seiner klingend bewegten Formen verbergen. Aber er hat einen treuen Gehilfen: Der Dichter schreibt ihm Bild-Texte für ein musikalisches Theater, für die Oper. Hans-Ulrich Treichel fand jetzt für Hans Werner Henze Verse und Prosa von starker lyrischer Kraft für eine parabelartige "Oper für Sänger und Tänzer": "Venus und Adonis".

Anlaß der Sentiment-geladenen Überlegungen über die dritte Phase des Lebens: ein Engagement, für die Gesangsteile der Ouverture eines Ballet de Cour vielleicht. Eine Prima Donna (hier die in allen Stimmbereichen und Künsten voll ein solches Profil ausführende und ausfüllende Nadine Secunde) und der beifallumrauschte Heldendarsteller im Bariton-Fach (hier mit Größe, Kraft und Sicherheit überzeugend Ekkehard Wlaschiha): Konzert in Frack und schulterfreiem schleppenden Samt. "Ein Lidschlag genügte einst, um mich in Sie zu verlieben", erinnert er sich - und ist im Grunde "noch immer verliebt". Sie aber weiß, daß ihre Beziehung zu einer mittleren Hölle wurde: Er hat "nichts verstanden". Die Wörter, die Worte eskalieren zum zerfleischenden Disput - hier die Vernunft, dort die Gefühle.

Aber da steht, mitten zwischen ihnen im Terzett, der junge Tenor (Chris Meritt mit einer mehr dramatischen als lyrischen Komponente).

Natürlich wird der "Alte" ihm helfen, keine Jagd- oder Kriegsfurcht zu zeigen, hinter dem Vorwand Auftritts- und damit künstlerische Existenzängste zu überwinden. Aber die Natur verfügt über eigene Prioritäten. Wieder genügt ein Lidschlag - "Kein Traum mehr, Geliebter, meine Küsse sind wahr, so wahr wie mein Herzschlag, mein Atem, wie das Spiel meiner Hände". Eifersucht führt dem Bariton das Messer - der junge Tenor steigt auf zur mythisch-mystischen Vereinigung im Universum, als "Stern unter Sternen".

Henzes Partitur zeigt zum einen drei deutlich getrennte horizontale Schichten - Klangwelten, die die Charaktere zeichnen: Jede Person hat ihr eigenes Orchester mit spezifischen Temperament- und Affekt-Farben.