Es mag ja sein, daß der Himmel über dem Tal des Potomac plötzlich aufreißt, so blau, wie es der südliche Breitengrad vorschreibt, und so glasklar, als sei er von den arktischen Winden gefiltert, die aus dem kanadischen Norden herabfegen. Dann gleißt der Marmor des Capitol fast allzu grell im weißen Licht, die Konturen der Stadt überstrahlend.

Für einen Augenblick könnten sich die Blicke der Amerikaner auf den Bürger richten, der nun noch einmal vier lange, vier kurze Jahre für das Geschick ihres Landes und in mancher Hinsicht für das der ganzen Welt verantwortlich ist, um von ihm eine Wegweisung zu empfangen, wie es damals war, als Franklin Roosevelt, als John Kennedy, Lyndon Johnson, Jimmy Carter und Ronald Reagan den Eid auf die Verfassung schworen, in klassisch gemeißelten Sätzen und von dem biblischen Pathos überhöht, das d ie Tradition der politischen Sprache seit den Tagen der Gründerväter vorschreibt: the vision thing, von dem der phantasielose George Bush, zu seinem Unglück, nichts wissen wollte.

Aber die Nebel, die über der Hauptstadt hängen, wollen nicht weichen, obschon Bill Clinton in seinen Reden gern zu den Horizonten strebt (und darüber hinaus). Dem Volk hat er sich als Brückenschläger ins nächste Jahrtausend empfohlen, und ein knappes Viertel der Wahlberechtigten entschloß sich, seufzend, hinter ihm dreinzutrotten, die Mundwinkel skeptisch nach unten gezogen.

Warum die saure Miene? Lacht der liebe Gott den Amerikanern nicht herzhaft zu? Ist es ihnen nicht geglückt, die Zahl der Arbeitslosen an die Marke der fünf Prozent zu senken: eine Leistung, zu der die Europäer nicht fähig, vielleicht nicht einmal willens sind?

Clinton durfte sich, auf die eigne Schulter klopfend, in jeder öffentlichen Äußerung bestätigen, daß in seiner Regentschaft mehr als vier Millionen Arbeitsplätze geschaffen wurden. Manche der Jobs mag man dürftig nennen, und manche sind so miserabel bezahlt, daß es zwei davon braucht, um leben und die Rate fürs Häuschen aufbringen zu können. Aber das ist nicht die Regel, was immer uns die deutschen, die französischen Gewerkschafts- und Parteipropagandisten in der Not ihrer Impotenz vorzuschwatzen versuchen. Die amerikanischen Löhne steigen wieder, wenngleich bescheiden. Und noch immer wippen die Börsenkurse in New York nach oben.

Und dennoch der moralische Schnupfen? Der Katzenjammer der Seelen?

Die Blüte der Wirtschaft scheint in der Tat über eine hartnäckige Krise hinwegzuwuchern, die nicht nur dieAmerikaner angeht. Heimlich nagt sie an der Handlungsfähigkeit der Weltmacht, die ihre Autorität am Ende nicht aus den Waffenarsenalen, sondern aus der Übereinstimmung mit ihren Bürgern bezieht. Die schleichende Krise ist, wenn nicht vieles trügt, im Begriff, das politische System zu unterminieren.